Wien. Der Koran steht für sie über allen weltlichen Gesetzen, zeitgemäße Interpretationen des Islam werden strikt abgelehnt. Nur sie, die Salafisten, haben das Recht auf Gottes Gnade und dadurch Anspruch auf das Paradies, alle anderen sind ungläubig und kommen in die Hölle. Manche der Bewegung sprechen auch Muslimen, die etwa nicht fünfmal am Tag beten, die Gläubigkeit ab. Zweifel und Hinterfragen sind verboten. Ahmad Mansour, Diplom-Psychologe und Mitglied der deutschen Islam-Konferenz, beschäftigt sich schon seit Längerem mit der derzeit dynamischsten islamischen Bewegung. Für ihn bestehe die Anziehungskraft der Salafisten im Exklusivitätsanspruch seiner Mitglieder, denn Anerkennung und Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe hätten eine hohe Bedeutung. Daneben biete Salafismus auch Eindeutigkeit in Hinblick auf das, was richtig und falsch und wer gut oder böse sei, sagt Mansour. Das spreche viele Jugendliche an, vor allem, wenn diese auf Orientierungssuche seien, ist er sich sicher. Die Wahrscheinlichkeit sei dann auch relativ groß, mit salafistischen Angeboten in Berührung zu kommen, nicht zuletzt, weil die breite öffentliche Thematisierung der Gruppe Aufmerksamkeit und indirekt auch Attraktivität verschafft.

Zulauf gäbe es überall in Westeuropa: "Es ist ein Thema in allen westeuropäischen Ländern, ohne Ausnahme - von Skandinavien bis Spanien. Und die Szenen sind europaweit auch miteinander vernetzt", betont Mansour. Der deutsche Verfassungsschutz geht von 4500 Mitgliedern in Deutschland aus, knapp 900 davon seien militant. Mansour schätzt mindestens 10.000 Salafisten, da er auch "puristische Salafisten" hinzuzählt, die Staat und Gesellschaft nicht aktiv in Frage stellen. Zudem gäbe es viele sympathisierende Jugendliche mit muslimischem Hintergrund.

"Problem der Gesellschaft"

Die Gefahr des Salafismus besteht in der extrem rigiden und ideologisierten Interpretation des Islam, sagt der Nahostexperte Thomas Schmidinger. Dies führe zu einem manichäischem Weltbild mit einem bestrafenden Gott, in dem alle Nicht-Salafisten als Feinde betrachtet werden. In Deutschland wurde in der Nacht zu Mittwoch ein mutmaßlicher Mordanschlag durch Salafisten auf den Vorsitzenden der rechtsextremen Partei Pro-NRW vereitelt. Ein Spezialeinsatzkommando nahm zwei Mitglieder der Gruppe fest, nachdem diese bereits monatelang zuvor wegen Verdachts einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat von Staatsschützern observiert worden waren. Nach darauf folgenden Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Mitverschwörern fanden Staatsschützer eine Liste, auf der neun Namen von Politikern rot markiert worden waren. Weiters wurden in den Wohnungen Sprengstoff und Waffen sichergestellt.