Rom. Während Italiens ausländerfeindliche Lega Nord und andere Rechtsparteien auf radikale Maßnahmen gegen die illegalen Einwanderung pochen, fordert der Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, Italien und die EU zu einem mutigen Kurswechsel in punkto Einwanderung auf.

Gegen den Menschenhandel über das Mittelmeer, der seit Jahren Italien schwer belastet, hilft allein eine Politik der offenen Tore, lautet Orlandos Credo. "Ich bin der Ansicht, dass in Italien und in der ganzen EU Aufenthaltsgenehmigungen für Migranten abgeschafft werden sollten. Es ist ein fundamentales Recht jedes Menschen, sich auf der Welt frei zu bewegen und vor Krieg und Hunger zu flüchten. Wären Flüchtlinge frei, nach Europa zu reisen, würde es keine Menschenhändler geben", sagt der 66-jährige Bürgermeister und Anti-Mafia-Held im Gespräch mit der APA.

Weg mit den Einwanderungsgenehmigungen

Die Menschheit habe sich vom Sklaventum und von der Todesstrafe befreit. Jetzt heiße es, sich von Sklaventum der Einwanderungsgenehmigungen zu befreien und Flüchtlingen die Tore zu öffnen. Dies könne sich das von schwerer Arbeitslosigkeit belastete Europa leisten.

"Vor allem wenn die Lasten auf alle 28 EU-Mitgliedsstaaten gerecht verteilt werden. Europa braucht die Migranten. Wenn ich nach Deutschland, Österreich und Frankreich reise, merken ich, dass Migranten der vitalste, jüngste Teil der Gesellschaft sind. Europa muss auf Solidarität setzen, um nicht dem Populismus zum Opfer zu fallen", sagt der promovierte Jurist und Rechtsprofessor, der 1985 erstmals zum Bürgermeister von Palermo gewählt wurde und 2000 sowie 2012 wiedergewählt wurde.

Mafia mischt im Menschenhandel mit

Die EU sei heute das Europa der Banken, sagt Orlando. "Die EU droht, wegen ihres Egoismus zusammenzubrechen. Die Antwort auf dieses Problem ist Offenheit. Auf Sizilien regiert eine Kultur der Solidarität und der Gastfreundschaft, doch es ist klar, dass wir nicht allein diese riesige Flüchtlingsproblematik bewältigen können. In den Sporthallen unserer Gemeinden sind tausende Migranten untergebracht. Wir müssen uns um hunderte Kinder kümmern, die ohne Eltern über das Mittelmeer gereist sind. Viele Kommunen haben Riesenschulden angesammelt, weil sie für die Migranten aufkommen müssen", meinte Orlando.

Die sizilianische Mafia hat laut Orlando beim Menschenhandel über das Mittelmeer die Finger mit im Spiel. "Es ist offenkundig, dass das organisierte Verbrechen eine Rolle spielt. Daher ist die Mission "Mare Nostrum" zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer so wichtig. Die Marine patrouilliert das Meer und verhindert, dass die Mafia die Massenlandungen koordiniert und davon profitiert", betont der Bürgermeister.