Ob.: Bilder von der Front: auf dem linken Foto stehend ganz rechts Josef Baumgartner, auf dem rechten Foto sitzend mit Kappe sein Bruder Anton, DI E. Baumgartners Großvater. Unten l. & r.: Aus dem Spital gesandte Ansicht von Pola/Brioni (Sammlung Prof. B. Sokop). Mitte r.: Wandbehang aus dem Besitz von E. Somogyi. Fotos: privat. Repros: Moritz Ziegler
Ob.: Bilder von der Front: auf dem linken Foto stehend ganz rechts Josef Baumgartner, auf dem rechten Foto sitzend mit Kappe sein Bruder Anton, DI E. Baumgartners Großvater. Unten l. & r.: Aus dem Spital gesandte Ansicht von Pola/Brioni (Sammlung Prof. B. Sokop). Mitte r.: Wandbehang aus dem Besitz von E. Somogyi. Fotos: privat. Repros: Moritz Ziegler

Eine vergilbte Feldpostkarte, wie sie zuhauf in Archiven liegen, ist Oberst i. R. Dietmar Klabuschnig, Wr. Neustadt (Ihre Reverenz machte Freude!), von seinem Großvater Josef Ebner übrig geblieben. Es ist ein winziges Stück Geschichte eines einfachen Soldaten, doch sagt es uns vielleicht mehr als historische Abhandlungen zum Ersten Weltkrieg, in denen die Katastrophe abstrakt bleibt. Was sind unvorstellbare Millionen von Toten gegen einen einzigen Toten?

"Die ungebornen Enkel"

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Der Inhalt besagter Karte, laut Stempel am 11. August 1914 aus dem kärntnerischen Egg bei Hermagor abgeschickt, ist nicht weltbewegend. Thema ist hauptsächlich das Korrespondieren selbst. "Habe deine Karte dankend erhalten . . . Brief habe ich von dir keinen erhalten, vielleicht ist er retourgegangen". Aus Sorge, die Post könne nicht ankommen, erinnert "Sepl" nochmals an die richtige Adressierung. Man werde "wahrscheinlich diese Woche von hier abmarschieren". Viele Briefe haben ihn aber nicht mehr erreicht.

Klaus-Peter Josefs "geliebter Großonkel" Karl Sedlmayer (r.) mit Schwestern und Schwager um 1914/15. Foto: privat
Klaus-Peter Josefs "geliebter Großonkel" Karl Sedlmayer (r.) mit Schwestern und Schwager um 1914/15. Foto: privat

Von Kärnten ging es an die Front nach Galizien, einem der großen Kriegsschauplätze. Eine Offensive der Russen brachte die k.u.k. Armee in Bedrängnis. Die Kämpfe bei Grodek Anfang September (in Zusammenhang mit der Schlacht um Lemberg) bilden ein besonders blutiges Kapitel der Kriegsgeschichte. Bekanntheit erlangten sie auch durch ein Gedicht.

Der aus Salzburg stammende Lyriker Georg Trakl, im gleichen Alter wie Josef Ebner, machte das Grauen von Grodek ebenfalls mit. Als gelernter Apotheker war er für die Krankenversorgung zuständig. Ohne ärztliche Hilfe musste er sich um ca. 90 Verwundete kümmern. Es mangelte an Medikamenten und Narkosemitteln für Operationen. Angesichts des Leids konnte der ohnehin zu Depressionen neigende Dichter nur verzweifeln. Seine Kameraden verhinderten knapp, dass er sich erschoss. Wenig später kam er nach Krakau ins Lazarett, um seinen Geisteszustand zu überprüfen. Dort entstand "Grodek", eines seiner letzten Gedichte: "Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düster hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder / (...) O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre, / Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, / Die ungebornen Enkel."

Der Soldat Josef Ebner fiel am 8. September 1914, seinem 28. Geburtstag, bei Grodek. Eine Woche später, am 15. September, wurde sein Sohn, Dietmar Klabuschnigs Vater, geboren.

Der Dichter Georg Trakl starb am 3. November 1914 in Krakau mit 27 Jahren an einer Überdosis Kokain.

Der Zensur zum Trotz

Die Post war für Familien oft der einzige Weg, Kontakt zu halten. DI Eva Baumgartner, Gablitz, steuerte ein gutes Dutzend Foto-Postkarten bei (Abb. ob.). Die meisten Texte sind kurz und bündig - es herrschte Zensur. Sagten die Fotos mehr als Worte? Immerhin konnten die Brüder Anton, Josef und Ferdinand Baumgartner (letzterer arbeitete im Postamt Nordwestbahnhof in Wien Brigittenau) so einander sehen. Einer von ihnen, Anton, ist der Großvater der Zeitreisenden - "später in diesem Krieg erblindete" er.

Aus ihrer Sammlung schickte Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, einige Brioni-Ansichtskarten dieser Zeit, "trotz Zensur mit persönlichen An- und Einsichten". Etwa die von Karl Haschek, in Pola stationiert, an Eugen Janazek bei Brünn: "Heute ich mus dir melden, das bei uns ist sehr strenk alles, überhaupt exzeciren! . . . Das ist nichts für mich" (Anm.: Die k.u.k. Armee bestand großteils aus Nicht-Deutschsprachigen.) Johann Sellner schickt aus dem Festungsspital Pola eine Ansicht an Oskar Kaltenbach (Abb. ob.): "Ich möchte dir gern eine schönere senden, aber im Spital bekommt man ja keine anderen". Und Victor Wernert schreibt: ". . . das, meine liebe Liebste Schwägerin, was Sie sich schön vorstellen, hat starke Schattenseiten".

"Kein sel’ger Tod . . ."

"Wenn man sich fragt, wieso 1914 so viele Menschen mit Begeisterung in den Krieg zogen, dann spielt auch der Lesestoff, den die deutschen (und andere) Jungen vorgesetzt bekamen, eine Rolle", so DI Ewald Pangratz, Wien 13, der sich auf Literaturrecherche zum Thema begab. Die "Jugendblätter" (58. Bd., München 1911) wurden "zur Anschaffung für Schülerbibliotheken ministeriell empfohlen". Unter dem Titel "Altes Volkslied" lasen Kinder darin Verse wie diese: "Kein sel’ger Tod ist in der Welt, als wer vorm Feind erschlagen / Auf grüner Heid’, im freien Feld darf nicht hör’n groß Wehklagen". Illustriert ist der Text, so DI Pangratz, mit "ein paar Rittern in Rüstung, die in einer idyllischen Umgebung ihre Pferde zur Tränke führen. Nach dieser Darstellung ist es . . . tröstlich, dass man nicht allein und obendrein zum Wohle des Vaterlandes sterben muss bzw. darf."

Was die Soldaten tatsächlich erwartete, sah freilich ganz anders aus. DI Pangratz zitiert einen deutschen Augen- bzw. Ohrenzeugen 1914 in Lothringen: ""Kamerad, Kamerad!" ruft eine matte Stimme aus dem nächsten Busch. Ein junger 127er (bezieht sich auf die Regimentsnummer, Anm.) mit Brustschuss liegt frierend auf grobem Gestein. Der arme Kerl schluchzt, als wir uns um ihn bemühen, er will nicht sterben . . . Von allen Seiten klagen nun Verwundete. Einer ruft herzzerbrechend nach seiner Mutter, ein anderer betet laut, wieder andere schreien vor Schmerzen . . . Dieser Jammer . . . ist entsetzlich anzuhören." Dazu DI Pangratz: "Dies schreibt nicht ein Kriegsgegner, sondern ein berühmter . . . Offizier, nämlich Erwin Rommel, der es am achten Tag seines ersten Kriegseinsatzes 1914 als Infanterieleutnant erlebt hat." Von "Heldenglorie ist bei ihm . . . nicht die Rede."