Am 23. Juni 1957 erscheint in der "Beilage zur Wiener Zeitung" ein besonderer literarischer Text: Friederike Mayröcker veröffentlicht unter dem Titel "Zwischen Meer und Wolken" ihre "Impressionen von einer Englandreise". Sie schildert ihre Erlebnisse in London, lässt bemerkenswerte Verweise zu Shakespeares Werk einfließen und erzählt von ihrem ersten Flug, der sie nach Wien zurückbringt: "Wir fliegen, wie unvorstellbar, wie unsagbar, durch die raumgewordene Luft, das ist der Himmel, ich beschwöre es, und wir fliegen durch ihn, ohne ihn je abfliegen zu können."

Ein Beleg dieses poetischen Artikels findet sich in den umfangreichen Beständen zu dieser wichtigen Schriftstellerin in der am Literaturhaus Wien angesiedelten Pressedokumentation. Als Teil der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur ist sie die umfassendste Sammlung an Ausschnitten und Papierquellen zur österreichischen Literatur und ihrer Kontexte: Mit mehr als 1,2 Millionen Objekten in analoger und digitaler Form und einem Berichtszeitraum vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart bietet dieser Sammlungsbereich, gemeinsam mit der Bibliothek und den Nachlassbeständen, eine einzigartige Materialfülle - zum Teil untergebracht in einem ehemaligen Luftschutzkeller hinter massiven Eisentüren.

Mit einem klaren Schwerpunkt ab den 1960er-Jahren stehen hier Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte, Prospekte, Programme oder auch Handzettel zur Verfügung. Die Bandbreite der Formen spiegelt sich auch in den aufzufindenden Textsorten. Aus allen wichtigen deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen, Zeitschriften und weiteren Periodika, ergänzt um ausgewählte fremdsprachige Veröffentlichungen, werden tagesaktuell nicht nur Buchbesprechungen, Interviews oder Textabdrucke ausgewertet, sondern u.a. auch Leserbriefe, Stellungnahmen oder Zitate. Die gesammelten Bestände, seien sie nun Ausschnitte in Papierform oder Digitalisate, können alle vor Ort benutzt werden.

Kritik am "Hausierer"

Dabei lädt die Sammlung der Pressedokumentation auch zum Schmökern und Stöbern ein. Denn oft ist nicht nur der Artikel, den man eigentlich gesucht hat, von Interesse - sondern auch der Zufallsfund.

Ein solcher liegt in den Beständen der Sammlung zu Peter Handke vor. 1968 wird in der Zeitschrift "Spiegel" ein Leserbrief von ihm veröffentlicht, in dem er auf eine Besprechung seines zweiten Romans "Der Hausierer" (1967) reagiert.

Der Literaturtheoretiker und Publizist Hans Christoph Buch hatte unter dem Titel "Tot und sauber aufgeräumt" seine Kritik von Handkes Werk vorgelegt. Er unterstellt dem österreichischen Autor, mit seinem literarischen Programm eines "monotonen Rede- und Bewußtseinsstroms" als Vertreter des konservativen Establishments im "Dienst der herrschenden Ideologie" zu stehen.