Wien. Nachhilfeunterricht in Sachen Geschichte dürften derzeit nicht nur einige Besucher und Redner des vergangenen WKR-Balls in der Winer Hofburg benötigen, auch so mancher Wissenschaftler scheint Wissenslücken aufzuweisen. Anders ist wohl kaum zu erklären, wie ein WU-Professor "aus rein logischen Gründen nicht behaupten kann, selbst von der Existenz der NS-Massenvernichtungslager zu wissen".

Die Wirtschaftsuniversität Wien (WU) hat am Donnerstag bekanntgegeben, dass der umstrittene Wissenschafter Franz Hörmann "mit sofortiger Wirkung vorläufig vom Dienst suspendiert" wurde. Grund seien seine "öffentlich getätigten zweifelhaften Aussagen über den Holocaust". Des weiteren wurden ein Disziplinarverfahren eingeleitet sowie Strafanzeige erstattet, hieß es in einer Aussendung. Hörmann selbst zeigte sich auf APA-Anfrage gelassen. Er begrüße die Möglichkeit, das entstandene "Missverständnis" zu bereinigen - und hofft gar, eine Änderung des Verbotsgesetzes zu bewirken.

Die WU unterstrich, "dass es MitarbeiterInnen von Universitäten zusteht, in ihren wissenschaftliche Arbeiten ebenso wie in ihren Wortmeldungen kontroversielle Standpunkte zu vertreten". Hörmann, der außerordentlicher Professor am Institut für Revisions-, Treuhand- und Rechnungswesen ist, sei zuvor öfters "mit kontroverser Meinung und umstrittenen Thesen zum Geld- und Finanzwesen" aufgefallen.

Ein "Missverständnis sprachlicher Art"
Doch seine jüngsten Äußerungen zum Nationalsozialismus seien für die Universität "untragbar", würden den ordnungsgemäßen Lehrbetrieb gefährden und das Ansehen der WU schädigen. Als nächsten Schritt entscheidet der Aussendung zufolge eine Disziplinarkommission im Wissenschaftsministerium über die endgültige Suspendierung. Die Strafanzeige ist naturgemäß Sache der Ermittlungsbehörden.

Hörmann selbst hielt in einer ersten Reaktion fest, dass er sich von der WU "in keiner Weise" wissenschaftlich oder inhaltlich beschränkt fühle. Er spricht in Zusammenhang mit seinen inkriminierten Aussagen von einem "Missverständnis sprachlicher Art", und "es ist wichtig, dass dem nachgegangen wird". Der Verbotsgesetz in seiner derzeitigen Form fördere solche "Missverständnisse", meint er: Es "können wirklich sehr leicht bestimmte sprachliche Formulierungen, die in einer anderen Erwartungshaltung gehört werden" zum Nachteil des Sprechers umgedeutet werden. Hier sei eine Überarbeitung des Gesetzes "eigentlich überfällig", meint Hörmann und will dafür gerne "als Paradefall" dienen. Ins rechte Eck will er sich keinesfalls stellen lassen: "Eigentlich bin ich einer, der Lenins Idee umsetzen will."


Weder Historiker noch Zeitzeuge
Auslöser der Vorgänge war ein - unveröffentlichtes - Interview, das drei WU-Studenten für die Uni-Zeitung "Standpunkte" mit Hörmann geführt hatten. Darin soll sich Hörmann, der Mitte Jänner beim "Occupy"-Aktionstag am Wiener Stephansplatz als Gastredner getreten war, relativierend zum Holocaust und zur Existenz von Gaskammern geäußert haben.

Der Wissenschafter kontert diesen Vorwürfen, in dem er sich auf seinen originären "Wissensbegriff" beruft. Da er weder Historiker noch Zeitzeuge sei, könne er aus rein logischen Gründen nicht behaupten, selbst von der Existenz der NS-Massenvernichtungslager zu wissen. Dem Wissen anderer zuzustimmen sei dagegen ebenso möglich, wie daran zu "glauben", so Hörmanns Argumentation.