Wien. Der Boykott des niederländischen Verlags Elsevier durch Tausende Forscher macht das Dilemma des wissenschaftlichen Publikationswesens deutlich, auf dessen einen Seite die auf Gewinn ausgerichteten Großverlage stehen, auf der anderen Seite die für freien Zugang zu Wissen kämpfende "Open Access-Bewegung". In der Mitte sitzen die Bibliotheken, "wir befinden uns in der schwächsten Position", sagt Eva Bertha, Leiterin der Bibliothek der TU Graz gegenüber der APA.

Die Bibliotheksbudgets schrumpfen, trotzdem müssen die Unis die jährlichen Preissteigerungen der großen Wissenschaftsverlage hinnehmen. Denn ihre Aufgabe ist es, Studenten und Forscher mit aktuellster Fachliteratur zu versorgen. Dem Elsevier-Boykott kann sich deshalb keine österreichische Uni-Bibliothek anschließen - auch wenn sie mit der aktuellen Situation unglücklich sind.

Verlage wie Springer, Wiley-Blackwell und Elsevier geben viele der wichtigsten Fachzeitschriften der Welt heraus. Hier zu publizieren ist Voraussetzung für ein Fortkommen in der wissenschaftlichen Community. Zwar arbeiten die meisten Forscher gratis für die Zeitschriften, dennoch lassen sich die Verleger die zur Verfügung gestellte Infrastruktur teuer bezahlen. Ihren Umsatz sichern die Verlage zusätzlich mit automatischen Preissteigerungen von mindestens fünf Prozent pro Jahr und der Etablierung neuer Geschäftsmodelle, wie etwa Bündelung. Die Kosten für ein naturwissenschaftliches Journal mit hohem Bekanntheitsgrad belaufen sich auf mehrere tausend Euro pro Jahr.

Druck durch Verlage
Natürlich könne man auch für jede Fachzeitschrift einzeln bezahlen, sagt Maria Seissl, die Direktorin der Universitätsbibliothek Wien im Gespräch mit der APA. Aber das käme viel zu teuer. Deshalb kaufen Bibliotheken gerne Pakete, die mehrere Zeitschriften beinhalten. "Das ist das verlockende Angebot und gleichzeitig auch der Trick", so Seissl. Zum Preis von drei, vier wichtigen Journalen erhalte man zehn. Darunter auch solche, die eigentlich nicht gebraucht würden. Problematisch werden diese Pakete aber erst, wenn man einzelne Zeitschriften nicht mehr wolle. "Die Verlage machen es schwer, einzelne Journale abzubestellen. Das Bestellvolumen muss immer gleichbleiben. Will die Bibliothek eine alte Zeitschrift nicht mehr, muss sie eine neue dazunehmen", so Bertha. Das schränke die Flexibilität enorm ein.