Berlin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat wiederholt "das Primat der Politik über die Finanzmärkte" verlangt, und viele Poltiker haben ihr zugestimmt. Doch wie soll der hehre Wunsch in die Tat umgesetzt werden?

Der Berliner Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann setzt auf eine globale Regulierung der weltweit agierenden Finanzmarktakteure. "Nur so lässt sich das Primat der Politik zurückgewinnen", sagte Thielemann am Wochenende der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Wir brauchen einen massiven Abbau des global zirkulierenden Blasenkapitals, denn die Realwirtschaften sind nicht in der Lage, diesem Kapitalberg entsprechende Renditen zu erwirtschaften."

Der Wirtschaftwissenschaftler sieht die größte Chance in einer stärkeren Besteuerung des Kapitalmarktes. "Statt den Haushaltsbedarf über die Besteuerung vor allem der stetig gewachsenen Kapitaleinkommen zu bewerkstelligen, hat man das Kapital 'hofiert' und kaum mehr besteuert und den Haushaltsbedarf über die Verschuldung gedeckt." Damit habe man sich "noch mehr vom Kapital abhängig" gemacht. Dieses sei inzwischen zum dominanten Faktor der Welt geworden.

Mit einer substanziellen globalen Besteuerung könne dem Kapitalmarkt Drohpotenzial genommen werden, argumentierte Thielemann. Grundsätzlich werde dieses Drohpotenzial gegenüber Politik, Realwirtschaft und Gesellschaft - ganz im Sinne des Kapitals - "häufig übertrieben dargestellt". Die derzeitigen Lösungsvorschläge für die Krise gingen gleichwohl dahin, "dem Kapital zu geben, was es verlangt und damit den Realwirtschaften - also uns allen - gigantische Wachstumslasten aufzubürden. Nur so könne eine, in ihren Einzelheiten allerdings unbestimmt gelassene, Katastrophe vermieden werden", kritisierte Thielemann diese Argumentation.

Thielemann sagte weiter: "Wenn einige derjenigen, die im Blasenspiel sich zu Milliardären aufschwingen konnten, nun durchaus große Teile ihres ohnehin illusorischen Buchvermögens verlieren, so ist dies nicht weiter tragisch." Im Gegenteil sei dies auch aus Gründen der Leistungsgerechtigkeit eher zu begrüßen. "Die derzeit entscheidende Frage ist vielmehr, ob die Buchverluste auf die Realwirtschaften übergreifen."

"Man spricht heute immer wieder davon, das Vertrauen wieder herzustellen, womit zumeist gemeint ist: Das Kapital soll darauf vertrauen, dass wir ihm seine Renditen erwirtschaften", sagte der Wirtschaftsethiker weiter. "Ein Recht auf Vertrauen haben aber vor allem die Bürger, und im Zusammenhang der Euro-Krise: die Bürger Europas. Sie sollten darauf vertrauen dürfen, dass im Kampf der Politik mit den Märkten beziehungsweise mit dem Kapital, von dem Angela Merkel sprach, die demokratisch bestimmte Politik obsiegt."

Wissenschaftler fordert Überwachung des Hochfrequenz-Handels

Angesichts der heftigen Einbrüche an den Börsen in den vergangenen Wochen hat der Wirtschaftswissenschaftler Nikolaus Hautsch eine weltweite Überwachung des sogenannten Hochfrequenz-Handels gefordert. Diese Art elektronischer Handelssysteme, die binnen kürzester Zeit Zehntausende Transaktionen abwickeln können, hätten "in extremen Marktphasen eine destabilisierende Wirkung", sagte der Professor an der Humboldt-Universität in Berlin der "Financial Times Deutschland" vom Montag.

"Es ist eine technologische Schlacht. Hochfrequenz-Händler sind hoch bezahlte, clevere Leute, die ihre technische Power perfekt ausnutzen", so Hautsch. Die Behörden müssten ähnliche technische Mittel zur Verfügung haben, damit eine effektive Kontrolle möglich sei. Zugleich müssten die Börsen Daten zum Hochfrequenz-Handel auch der Wissenschaft zugänglich machen, damit dessen Rolle besser erforscht werden könne. "Die Börsen sind damit sehr zurückhaltend", monierte Hautsch. Die Betreiber der Marktplätze wollten nicht, dass einzelne Marktteilnehmer und Strategien identifiziert werden können. "Die Forschung wäre leichter, wenn sie transparenter mit diesen Informationen umgingen." Der Hochfrequenz-Handel macht demnach mittlerweile mehr als 50 Prozent des globalen Aktienhandels aus.