Ahoi, ahoi! Liebe Zeitreisende, wir schreiben März 1779 und rufen im nördlichsten Adriawinkel Fischerbooten (solchen wie in der Bildleiste unten) Seemannsgrüße zu. Gleich wird uns ein flinker Zweimaster (der dem Segler ganz rechts im großen Bild ähnelt) ins maria-theresianische Triest bringen, um im Canal Grande der Stadt zu ankern. Aber, bitteschön, um keinen Preis bzw. um keine noch so günstige Anlegegebühr direkt am Meeresufer!

Denn Ihr Cicerone, der Sie, werte Geschichtsfreunde, durch k.k. Salzwasser geleitet, ist auf Sicherheit bedacht - draußen am Gestade kann schnell ein Unglück passieren: Die Bora, der heftige Fallwind an der Küste, hat dort schon manches Schiff zerschmettert.

Doch keine Sorge, bei unserer Ankunft vor 240 Jahren hat sich der Große Kanal bereits etwa ein Vierteljahrhundert als der Schutzhafen bewährt. Wir sind hier gut aufgehoben.

Buntes Treiben beim Hauptplatz (Piazza Grande) einst. Rechts: Kam mit den Fässern dieses Bootes Wein oder Essig an?
Buntes Treiben beim Hauptplatz (Piazza Grande) einst. Rechts: Kam mit den Fässern dieses Bootes Wein oder Essig an?

Das Schiff ist bald vertäut, allerdings verschiebt sich der Landgang. Wir haben nämlich das "Wienerische Diarium" vom 6. März 1779 in die Hand gedrückt bekommen und lesen darin:

Von mehr als einer Seite her hat man zu Triest die angenehme Bestättigung erhalten, daß zu Konstantinopel die Pestseuche (...) vollends aufgehört habe, nachdem selbe eine geraume Zeit gedauret, und bey 150 bis 160000 Menschen hingeraft hatte (...).

Was bedeuten diese Zeilen? Kann der Schwarze Tod tatsächlich nicht mehr die Adriaküste erreichen? Ist jede Gefahr gebannt?

Ein Hafenbeamter erklärt uns: Ab und zu gebe es seuchenverdächtige Personen auf anlegenden Fahrzeugen, aber da werde sofort Isolation unter Bewachung verhängt. So verhindere man stets die Verbreitung der Pest. Dann murmelt der Mann kaum Verständliches, das wie "alle ... Lazzaretto San Carlo... seit 1721" klingt. Das beruhigt etwas.

Ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem. Inzwischen untersucht ein amtlich bestellter Arzt alle aus unserer (Zeit-)Reisegruppe auf Anzeichen einer Erkrankung. Quarantäne gibt es keine.

Strahlendes Wetter versöhnt uns ein wenig mit der seltsamen Situation, in der sich alle leise fragen, ob die Pest nicht doch hierher kommen könnte. Zur Auflockerung rezitiert der Cicerone lachend eine fast lyrische Triest-Meldung vom 22. Hornung (= Februar) 1779 aus der schon erwähnten "Diarium"-Ausgabe:

(...) genießt man daselbst schon seit mehr dann (sic!) 50 Tagen einer so heiteren und so angenehmen Witterung, daß es scheint, es wäre bereits der Frühling mit allen seinen Reitzen angebrochen (...).

Dennoch murren die im Weichbild der Stadt lebenden Glückspilze. Laut "Diarium" will nämlich dieses Wetter (...) den dasigen Landleuten nicht gefallen, denn, da durch die voreilige außerordentliche Wärme (...) sogar die Mandelbäume auszuschlagen angefangen haben, so dürfte leicht eine gähe (= plötzliche) Kälte (...) im nächsten Märzmonate einfallen, und die Fluren nicht wenig beschädigen (...).

Nichts davon geschah. Die Abkühlung blieb aus, die Sonne schien weiter - ein Paradies für in den ersten Monaten des Jahres nicht wärmeverwöhnte Leute aus Alpenlanden; aber für viele Bewohner am Ufer der oberen Adria offenbar kein Genuss wegen der Sorge, das Wetter könnte kippen. Allen Menschen ist es eben schwer recht zu machen.

Uns mit der Zweimaster-Zeitmaschine in Alt-Triest Angekommenen fiel übrigens schnell auf, dass wir mitten in einem ganz speziellen Stadtteil landeten: im Borgo Teresiano, Maria Theresia zu Ehren so benannt.

Lange Zeit wehte oben über der Stadt die rot-weiß-rote Fahne, während unten am Ufer Fischer hart arbeiteten.
Lange Zeit wehte oben über der Stadt die rot-weiß-rote Fahne, während unten am Ufer Fischer hart arbeiteten.

Nach 1720 waren mit Geld aus der k.k. Staatskasse die übelriechenden (Meeres-)Salz-Gewinnungsstätten dieser Gegend planiert worden. Später entstanden dort der Canal Grande sowie viele Bauten. Fundament dieses gewaltigen Projekts war das im März 1719 von Karl VI. erlassene Freihafenpatent - das damalige 5000-Einwohner-Städtchen mauserte sich so bis zum späten 18. Jh. zum Handelszentrum mit ca. 40.000 Bewohnern aus vielen Nationen. Schon unter Leopold I. (1658-1705 Kaiser) hatte es Ansätze zu diesem Aufstieg gegeben. Dieser Herrscher und ebenso sein Sohn Karl VI. erhielten nicht von ungefähr unweit des Kanals Standbilder. 

Wo an Alt-Österreichs Wirken erinnernde Denkmale genau stehen, wird demnächst mit manch anderen Triest-Details im Geschichtsfeuilleton zu finden sein - als Antwortreigen auf die links unten auf dieser Seite aufzulesende Zeitreisen-Nuss. Alle Tüftlerinnen und Tüftler sind herzlichst zum Knacken eingeladen!

Kopfnuss für Zeitreisende mit Scharfblick: Sperrt auf dem großen kolorierten Kupferstich oben eine Brücke Schiffen die Einfahrt in den Canal Grande? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)