Im Jahre 1868 hielt der heute fast schon in Vergessenheit geratene Kartograph und Ethnograph Felix Philipp Kanitz fest: "Ein Schritt über die serbische Grenze, und man fühlt sich auf der Schwelle zwischen Occident und Orient!" Abenteuerliche Legenden rankten sich um das noch nicht völlig erforschte Gebiet auf der Balkanhalbinsel. Dem Thema der Mythenbildung über Südosteuropa und deren politische Instrumentalisierung im 19. und 20. Jh. widmete sich die Historikerin MMag. Eva Tamara Asboth in ihrer kürzlich eingereichten Dissertation. Darin wandte sich die angehende Doktorin u.a. dem reiselustigen Kanitz zu, den schon zeitgenössische Quellen als "Columbus des Balkans" bezeichneten. Einige Details dazu fassten die Zeitreisen für die Gemeine zusammen.

Politik des Vermessens

1829 erblickte Felix Kanitz in Pest, heute ein Teil von Budapest, das Licht der Welt. Bereits in jungen Jahren bemerkte seine Mutter das zeichnerische Talent des Buben, der seinen Vater früh verlor. Sie schickte ihn ins Kurfürstentum Hessen an die Kasseler Kunstakademie. Dort war er übrigens Schüler von Ludwig Emil Grimm, dem kleinen Bruder der v.a. für ihre Märchensammlung bekannten Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm (zu ihrem "Deutschen Wörterbuch", siehe Zeitreisen Juli 2018).

1847 kam Kanitz nach Wien, wo er sich mit Zeichnungen für die Leipziger "Illustrirte Zeitung", die auch in Wien erschien, seinen Unterhalt verdiente. Kurze Zeit später - gerade einmal 21 Jahre alt - trat der Abenteurer seine erste Reise in den Südosten Europas, damals auch europäische Türkei genannt, an. Besonders interessierte ihn das Fürstentum Serbien, das bis 1878 zum Osmanischen Reich zählte.

Zurück in der Donaumetropole gelang es ihm, nicht nur seine Bekanntschaften mit hohen Beamten auszubauen, sondern auch seine Kontakte zu Zeitungsredaktionen zu pflegen. Besonders nahe stand er der "Wiener Zeitung", für deren Feuilleton er zahlreiche Artikel verfasste.

Ab 1858 wandte sich Kanitz endgültig der Erforschung der noch weißen Flecken auf südosteuropäischen Karten zu. Er konnte auf finanzielle Unterstützung seitens der Monarchie zählen, deren Interesse an den Gebieten am Balkan zunahm: Denn die Osmanen verloren an Einfluss, doch das russische Zarenreich gewann an Stärke und begann mit dem Erhalt dortiger Regionen zu liebäugeln. Zudem war bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts der Ruf nach einer aktuellen Landkarte Europas, mit den 1814/15 auf dem Wiener Kongress bestätigten Grenzen, laut geworden.