Ob auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Ämtern - bei einer Zeitreise in die alte Donaumetropole empfiehlt es sich nicht, die Böden allzu genau unter die Lupe zu nehmen. Denn das Ausspucken war einst so selbstverständlich, dass wir uns die Verunreinigungen, die es verursachte, lieber nicht ausmalen.

Als die hier wiedergegebene Annonce am 12. März 1904 in der "Wiener Zeitung" erschien, waren die Gefahren der unappetitlichen Gewohnheit längst bekannt. Die Tuberkulose, wegen ihres häufigen Auftretens in der Kaiserstadt auch Morbus Viennensis, Wiener Krankheit, genannt, forderte nach wie vor massenhaft Opfer, vor allem in engen, feuchten Armenquartieren.

Eine Maßnahme im Kampf gegen die grassierende Seuche waren Spucknäpfe. Sie sollten verhindern, dass die Erreger aus dem eingetrockneten infektiösen Sputum in die Luft gelangen.

Zwei Monate vor Publikation des Inserats, am 12. Jänner 1904, war ein Mann gestorben, der in puncto Spucknäpfe Großes geleistet hatte: Der 1837 geborene deutsche Arzt Dr. Peter Dettweiler entwickelte (neben anderen Therapiemaßnahmen bei Tuberkulose) den "Blauen Heinrich". Dieser Taschenspucknapf in Form eines blauen Glasfläschchens ermöglichte es Lungenkranken, diskret in einen Behälter zu husten und den Inhalt hygienisch zu entsorgen. Die damals allgegenwärtigen Spucknäpfe, zum Einstecken oder Aufstellen, sind heute nur noch Kuriosum. (reis)