Der Tod des Wucherers, Einblattdruck aus dem 17. Jahrhundert. (Bild: Archiv)
Der Tod des Wucherers, Einblattdruck aus dem 17. Jahrhundert. (Bild: Archiv)

Jetzo, jawohl jetzo sind wir, liebe Geschichtsbegeisterte, ganz und gar in der Frühen Neuzeit gelandet - nämlich im April 1729. Zwar ankerte in der vorigen Ausgabe unser Zeitreisenschiff im März 1779 und damit grauer Theorie gemäß ebenfalls in der etwa zwischen den Jahren 1500 und 1800 liegenden Epoche, aber waschechte Frühneuzeit war das nicht mehr. Im späten 18. Jh. zeichnete sich ja in Europa bereits das Nahen eines neuen Zeitalters ab (NB. Tribut zollte dem selbst unser Blatt, das "Wien(n)erische Diarium", das mit altem Brauch brach und 1780 den modernen Namen "Wiener Zeitung" wählte).

Jetzo, wie es einst so schön hieß, jetzo also hinein ins pure frühneuzeitliche Leben, hinein ins Jahr 1729 auf der Grünen Insel! Vorweg zur Schreibweise: Das Wort Irland zierten damals zwei "r". Irr waren freilich weder Land noch Leute, sondern die Zustände dort.

Denn Mütter hatten nicht einmal eine Handvoll Mehl für ihre hungernden Kinder, während es auf der Insel Mehl (bzw. Getreide) in Hülle und Fülle gab - das aus spekulativen Gründen in Lagerhäusern für den Export gehortet wurde. Große Teile der Bevölkerung darbten. Für diese Menschen gab es auch keinerlei Möglichkeit, mit einem Notgroschen an geringe Mengen des Grundnahrungsmittels zu kommen, da ihnen jeder Einkauf verweigert wurde.

Unter König Georg II. (links oben) setzte man englische Soldaten (links unten) durchaus auch gegen Iren (Gruppenbild rechts) ein. (Bilder: Monographien zur ... Kulturgeschichte, Bd. 5, Leipzig 1900; Ill. Konv.-Lex., Bd. 5, Leipzig 1876)
Unter König Georg II. (links oben) setzte man englische Soldaten (links unten) durchaus auch gegen Iren (Gruppenbild rechts) ein. (Bilder: Monographien zur ... Kulturgeschichte, Bd. 5, Leipzig 1900; Ill. Konv.-Lex., Bd. 5, Leipzig 1876)

Am 13. April 1729 finden wir im "Wienerischen Diarium" dazu ein Schreiben aus Cork in Irrland, wonach sich der Pöbel am 8. des Vormonats (der Weg der Post von der südirischen Hafenstadt nach der Donaumetropole zog sich anno dazumal) vor dem Hause des Burgermeisters versammelt habe und Getraide oder Mehl (...) um baares Geld verlanget (...).

Cork in der Frühen Neuzeit. (Bild: Archiv)
Cork in der Frühen Neuzeit. (Bild: Archiv)

Anschließend lesen wir: Auf die abschlägige Antwort (...) wurde das Volk so toll und töricht / daß es in der Raserey (...) des Burgermeisters Haus und Magazin nieder risse (...).

Auch Lager der Kauf-Leute (...) / welche Getreide (nun "ei", sic!) angeschaft hatten, traf es. Dann giengen die rasenden Leute auf die Schiffer los / und zwungen diese / das geladene Getreide (...) an das Land zu bringen; die Kauf-Leute musten (...) mit einem Eide bekräftigen, weder Getreide noch Mehl (...) aus dem Lande zu führen / sondern solche Waaren auf die Märkte zu bringen. Bald zielten alarmierte Soldaten auf die Masse, in der sechs erschossen / und viele verwundet wurden. Doch das Volk war nicht zu bändigen. Das Militär scheiterte. Der Mehlpreis soll über die Helfte gefallen seyn.

Drei Tage später, am 16. April 1729, hieß es im "Diarium": Von Dublin wird überbriefet / daß / als bereits ein Theil des Murrayischen Regiments aus ihren Baraquen (= Kasernen) nach Cork abgemarschiret gewesen / ein Expresser (= Eilbefehl) aus England angelangt, diese Maßnahme zu contramandiren, sprich: zu widerrufen.

In London, das die Iren ab dem 12. Jh. unterworfen und im 17. Jh. völlig entrechtet hatte, war man vor 290 Jahren wohl vorsichtiger als die Statthalter der Krone auf der Grünen Insel. Englands Georg II. (König 1727-1760) und seine Regierung wollten vermutlich noch abwarten, um nicht gleich einen großen Aufruhr auszulösen.

Zudem dürfte es unrealistisch erschienen sein, in Cork Tage nach der Erstürmung der Lagerhäuser noch viele Beteiligte gefänglich einzuziehen. Dass sich die von ihrer Not getriebenen Leute schnell mit den dringend benötigten Nahrungsmitteln zurückgezogen hatten, lag auf der Hand.

Verzweifelte, die am Handstreich auf Getreidelager mitgewirkt hatten und heil davongekommen waren, konnten also von Glück sprechen - und einigen Hunger stillen. Aber es herrschte trügerische Ruhe. Gewiss plante die englische Obrigkeit massive Strafaktionen, sollten sich Vorfälle wie in Cork mehren. Bei den darbenden Iren jedoch wuchs und wuchs die Wut auf Wucher und Wucherer.

Ein in der Frühneuzeit in ganz Europa kursierender Einblattdruck sagt mehr als tausend Worte zum Zorn hilfloser Menschen, die das Ende des Elends erträumten - ein Sehnen in Bitternis und Aberglauben. Spricht aus dem links (teil-)wiedergegebenen "Tod des Wucherers", der handkolorierten Version eines im 17. Jh. als Art Zeitung verbreiteten Drucks, Vergeltungsdrang oder Rachgier? Spielte gar Antisemitismus mit?

Jedenfalls machen Tod, Teufel und höllischer Vierbeiner auf dem Flugblatt dem gefürchteten, verhassten Feind den Garaus. Und Zeilen im Kurztext zu der Szene rufen dem Geächteten noch nach: "Ellender dein Wucheraey / Störtz dich inns Teüffels Tyranney."

Kopfnuss für alle im Banne der Frühneuzeit Stehenden: Waren Worte im "Diarium" wie Pöbel für Arme Stil der Redaktion? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)