Vor einem Jahr regten die Zeitreisen an, Einblick in alte Kalender zu gewähren. Dem kam u.a. Karlheinz Müller, Wien 4, nach, und das nun bereits mit mehreren Gustostückerln, die nach und nach eintrudelten. Neben einem "Prager Haus- und Kirchenkalender" aus 1855, über den das Geschichtsfeuilleton im Juni 2018 berichtete, steuerte der Tüftler zwei weitere Prachtstücke bei, in die die Zeitreisen nun einen Blick werfen wollen.

*****

Wir nehmen zunächst den "Privat-Geschäfts- und Auskunfts-Kalender für das Jahr 1846" zur Hand. Das in dunkelblaues Papier gebundene Stück enthält für Zeitreisende äußerst nützliche Informationen. Wollen Sie etwa mit Ihrem Hündchen auf der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn fahren, so wird folgendes von Interesse sein: "Schoßhunde, sofern sie auf dem Schoße gehalten werden, und wenn keiner der Mitfahrenden dagegen Einwendung macht, sind frei."

Unter der Überschrift "Wiener Wegweiser" sind ab Seite 73 diverse Adressen aufgelistet. Wo findet man "Copir-, Schreib- und Uebersetzungs-Anstalten" (u.a. am Graben oder in der Bräunerstraße), wo eine "Dampfwaschanstalt" (z.B. gegenüber vom "k.k. Augarten") oder die damalige Redaktion der "WZ" (Rauhensteingasse Nr. 927)?

Auch bei juristischen Fragen hilft das Büchlein weiter. Wann ist es möglich, seine Sprösslinge zu enterben? Punkt 1: "Wenn sie vom Christenthume abfielen." (Achtung: Nicht jedoch, wenn "sie nur zu einer andern christlichen Confession übertraten".)

*****

Damit zu einer jüngeren und gänzlich anders gestalteten Publikation aus der Sammlung von Spurensucher Müller: Es handelt sich um einen Kalender für das Jahr 1918, herausgegeben von der Satirezeitschrift "Fliegende Blätter". Trotz (oder wegen?) der finsteren Zeiten, in denen das Heftchen erschien, strotzte es vor Heiterkeit. Unter den Gedichten, Zeichnungen und Prosastücken finden sich auch Verse der Pfälzischen Mundartdichterin Lina Sommer (1862-1932).

Eine nicht mehr ganz junge Dame namens Binche fragt verständnislos eine zweite, Sannche, warum sie denn mit "achtevärzig Johr’" noch einen Mann nähme? "Du hooscht kää Sorg’ - Du hoscht kää Plag’, / Du hoscht kää Lascht - Du hoscht kää Klag’, / Du hoscht’s so gut, - Du hoscht’s so schää, / Warum nor bleibscht De nit allää?"

Lina Sommer wusste freilich, wovon sie sprach. Kurz nach der Hochzeit mit einem vermeintlich wohlhabenden Mann kam das finanzielle Desaster. Es folgten unstete Jahre, in denen die wachsende Familie den Arbeitsstellen des Mannes hinterherzog. Aus Not griff Lina Sommer zur Feder - und wurde zu einer einst im ganzen deutschsprachigen Raum beliebten Autorin.

Bleibt die Frage, warum Sannche heiraten will: "Der Ami, wääscht, mei’ klääner Hund, / Der werd zu fett, un’ werd zu rund, / Soll däglich drei Schtund uf die Gass’, / Un’ des macht mer halt gar kään Schbaß - -"

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner