Eil-Aviso an Liebhaberinnen und Liebhaber des "Wienerischen Diariums": Das Zeitreisenbüro lädt heute dazu ein, auf dem Pflaster der Kaiserstadt 245 Jahre zurückzukutschieren. Aber bald nach unserem Einzug in Maria Theresias Metropole werden wir, wie man so sagt, a Gfrett haben! Nämlich, wenn wir druckfrische Ausgaben unserer Gazette ergattern wollen.Denn nach unserer Ankunft gibt es das "Diarium" nur noch wenige Tage im Redaktionshaus nahe der Michaelerkirche.

Dazu steht anno 1774 am Sonnabend den 7. May im Blatt: Samstags (nun kein Sonnabend, sic!) den 14. May wird das wienerische Diarium, welches ansonsten in dem neuen Michaelerhause abgeholet worden, das erstemal in dem von Mannerischen Hause in der Singerstraße, Nro. 931, wo sich die (...) Ghelensche Buchdruckerey bereits befindet, zu ebener Erde ausgegeben werden (...).

Das gilt, bitteschön, im Prinzip. Bei Problemen empfiehlt sich ein Hintertürl: (...) falls das Comptoir (= der Geschäftsraum) geschlossen, ist das Diarium im Hofe ebenfalls zu ebener Erde rechterhand beym Fenster zu bekommen.

Noch Fragen?

Als gelernte Österreicher stochern wir jetzt nicht nach, wir ahnen ja ohnehin, auch im Hofe könnte wie im Comptoir niemand zu finden sein. Und wissen uns notfalls zu helfen - fest an das Fenster klopfen, rufen, pfeifen, Leute in der Druckerei alarmieren.

So ein Umzug von einem Viertel der Residenzstadt ins andere bringt schließlich leicht einen Betrieb durcheinander, das kennt man!

Vorm Michaelerhaus einst: Ist hier noch das Comptoir? - © Archiv/gemeinfrei
Vorm Michaelerhaus einst: Ist hier noch das Comptoir? - © Archiv/gemeinfrei

Derart mental gerüstet lässt sich der Mai-Ausflug ins Jahr 1774 durchaus mit dem Studium unserer anno dazumal Mittwoch und Samstag publizierten Gazette verbinden. Freilich konnten im alten Wien Leute ohne Abonnement nur direkt im "Diarium"-Comptoir eines Zeitungsexemplars habhaft werden; irgendwelche anderen Verschleißstellen existierten nicht.

Immerhin bekam man für die geschmalzenen sieben Kreuzer pro "Diarium"-Nummer - den Preis eines nahrhaften Menüs in einem Stadtgasthof - einiges geboten. Besonderes Stück darunter: Zeitungs-Nro. 42 vom Mittwoch den 25. May 1774 mit einer staatspolitisch äußerst wichtigen Trauernachricht.

"Kopfschmuck" der Titelseite unserer Gazette anno 1774. - © WZ-Faksimile
"Kopfschmuck" der Titelseite unserer Gazette anno 1774. - © WZ-Faksimile

Es handelt sich dabei um eine offizielle Anzeige von der Seine: Gestern Vormittags (...) haben sich der königl. französische Herr Bottschafter, Prinz v. Rohan, im großen Trauerzuge nach Schönbrunn verfüget, um den (...) Majestäten (= Maria Theresia und ihr Sohn, der ab 1765 als Mitregent und römisch-deutscher Kaiser amtierende Joseph II.) den Todt des Königs Ludwigs XV. und die Thronbesteigung (...) Ludwig Augusts (= Ludwig XVI.), zu vermelden.

Durch das Ableben des für seine Mätressen bekannten fünfzehnten Ludwig (Bild l. ob.) stieg nicht nur dessen Enkel zur Majestät auf: Ebenso wurde Gattin Marie Antoinette, eine Tochter Maria Theresias, Königin. Anfangs sah das nach Habsburgs Vorteil aus. Die "Österreicherin" ("l’Autrichienne" bzw. in bösem Wortspiel "l’autre chienne" = "die andere Hündin"), wie man sie nannte, machte sich im Volk aber bald unbeliebt.

(Bekanntlich wurden König und Königin 1793 hingerichtet, nachdem Frankreich zuvor mit der Monarchie gebrochen hatte; England war bereits 1649 im Rahmen seiner bürgerlichen Revolution mit dem Vollzug der Todesstrafe an König Karl I. diesen Weg vorangegangen.)

Auffallend an den "Diarium"-Ausgaben im Mai 1774 ist der hohe Respekt vor Schwedens Gustav III. (Bild nebenstehend). So gilt dem König am Mittwoch den 18. May der Textteil der ca. 16cm mal 20cm großen Titelseite (deren obere Hälfte der ganz links abgedruckte "Kopfschmuck" mit dem unten teilfaksimilierten Zeitungstitel beherrscht). Angekündigt werden in dem Bericht die mit königl. Befehl erfolgten Anstellungsdekrete für 7 Landschaftsärzte sowie die Bestellung von drei Medizinern für (...) Arme der Stadt Stockholm.

Rund ein Vierteljahrtausend später gibt diese Bevorzugung von Berichten aus dem Land im Norden ein kleines Rätsel auf. In Maria Theresias Ära war ja Schweden keine Großmacht mehr.

Welches Interesse hatte also Wien? Ein bisschen Grübeln hilft. Maria Theresias Mitregent Joseph II. schaute gern nach Stockholm, wo sich aufgeklärter Absolutismus durchzusetzen schien: Im August 1772 hatte Gustav III. mit einem Staats-Coup die Adligen des Landes entmachtet. Nun herrschte der fest im Sattel sitzende König allein und kümmerte sich zum Beispiel um mehr Ärzte für die arme Bevölkerung . . .

Kopfnuss Kann man heute genau sagen, wo 1774 das "Diarium"-Comptoir in der Singerstraße einzog? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)