Die Empfänger eines transatlantischen Funktelegramms.  - © US-Grußkarte (Ausschnitt); gemeinfrei
Die Empfänger eines transatlantischen Funktelegramms.  - © US-Grußkarte (Ausschnitt); gemeinfrei

Nachdem die Gemeine im April entlang der "Marchfelder Schlösserstraße" auf Barockpfaden gewandelt ist, schlägt Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, nun eine etwas andere Tour für historisch interessierte (Zeit-)Reisende vor: Die "Europäische Route der Industriekultur" (www.erih.de). Diese Initiative weist auf hunderte Stätten des industriellen Erbes in Europa hin. Eine davon liegt Dr. Zemann besonders am Herzen: Das schwedische Grimeton, südlich von Göteborg, "mit dem weltweit einzigen noch funktionsfähigen Maschinensender."

Dazu Dr. Zemann: Es handelte sich dabei um "leistungsstarke Wechselstromgeneratoren zur Erzeugung ungedämpfter elektromagnetischer Schwingungen". Anno 1924 bzw. 1925 wurde dieser "Längstwellensender" vor allem zur transatlantischen Kommunikation mit den USA in Betrieb genommen. Beeindruckend ist die geradezu "monströse Anlage" der Sendeantenne, die aus "sechs wie riesige Hochspannungsmasten gestalteten 127m hohen Türmen" besteht. 2004 wurde die Anlage mit dem Rufzeichen SAQ zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Sie sendet noch regelmäßig, dreimal im Jahr, zuletzt zu Weihnachten 2018.

Zu dieser Gelegenheit hatte der Amateurfunker Dr. Zemann (OE4HZA) "die Behelfsantenne . . . hochgezogen" und den "fast schon antiken Längstwellenempfänger . . . auf 17,2 kHz und Morse-Empfang eingestellt". Endlich, um 9 Uhr MEZ: "Morsezeichen im Kopfhörer" - ein Gruß aus Grimeton!

Wenn es nach Tüftler Dr. Zemann geht, könnten die Zeitreisen ruhig mehr Technikgeschichte bringen. Schließlich sei diese "immer auch Sozialgeschichte"!

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Apropos Sozialgeschichte. Mathilde Lewandowski, Payerbach, hat sich auf Spezialrecherchen begeben und gelangte, wie es beim Tüfteln eben manchmal so geht, über Umwege ins alte Erdberg. Mithilfe des Bezirksmuseums Landstraße stieß sie auf schockierende Zustände. Der heute zum 3. Wiener Bezirk gehörende Stadtteil war lange einer der elendsten der Donaumetropole.

Ein berüchtigter Schandfleck befand sich in der - nomen est omen - Schimmelgasse 17: In dem schönfärberisch als "Logierhaus zum Bienenstock" bezeichneten privaten Armenasyl hausten etwa tausend Menschen Tür an Tür, in jeder der düsteren Kammern eine ganze Familie. Die "Wohnkerkerzellen", wie "Arbeiter Zeitung"-Reporter Max Winter (1870-1937) die Quartiere nannte, erinnerten an die Räumlichkeiten eines Zuchthauses. Im Volksmund hieß das Gebäude "Erbsienhaus", ein Ausdruck für ein Gefängnis, der sich von der dort verabreichten Kost herleitete.

An dieser Brutstätte für Seuchen starben die Menschen wie die Fliegen. Nicht umsonst gab es eine hauseigene Totenkammer. Erst um 1930 - die lebensgefährlichen Bedingungen waren bereits seit Jahrzehnten bekannt - machte man das Haus endlich dem Erdboden gleich.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner