Rigi-Massiv für Scharfsichtige: Vom Ufer führen Schienen hinauf (eingeschnitten: Wappen, "Ur-Lok").  - © Bilder (gemeinfrei): Der Siegeslauf der Technik (III), Stuttgart o.J. (= um 1920)/Eduard Walther, Geogr. Charakterbilder, Eßlingen etc. o.J. (= um 1889)
Rigi-Massiv für Scharfsichtige: Vom Ufer führen Schienen hinauf (eingeschnitten: Wappen, "Ur-Lok").  - © Bilder (gemeinfrei): Der Siegeslauf der Technik (III), Stuttgart o.J. (= um 1920)/Eduard Walther, Geogr. Charakterbilder, Eßlingen etc. o.J. (= um 1889)

Grüezi, grüezi, liebe Zeitreisende! In Helvetiens Bergwelt wird die Luft bekanntlich recht dünn, trotzdem brauchten gipfelstürmende Lokomotiven dort schon vor 130 und mehr Lenzen keine Verschnaufpause. Denn die Dampfrosse eroberten damals wacker Alpenhöhe für Alpenhöhe; allerhöchstens bekamen die eisernen Kletterer zuweilen eine Kinderkrankheit namens Eisenbahnfieber.

Fast bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war in der Schweiz dieser Schienen-Infekt übrigens unbekannt. Denn das Land verpasste die erste Ära der "Kolonnen", wie Züge einst hießen. Während Österreich schon in den 1820ern seine Pferdebahn baute und Ende 1837 seine erste Dampfbahn rattern ließ, tat sich beim westlichen Nachbarn in Sachen Geleise rein gar nichts.

Dennoch ist es ungerecht, wenn hie und da erklärt wird, in den Gefilden Wilhelm Tells habe das Bahnzeitalter erst im August 1847 begonnen - mit der damals eröffneten Spanisch-Brötli-Bahn von Zürich nach Baden/Aargau, die ihren Namen schmackhaftem Blätterteig-Gebäck verdankt: dem nur in Baden hergestellten "Spanisch Brötli", das nun für betuchte Zürcher jeden Tag zur Frühstückszeit fahrplanmäßig ankam.

Aber die erste Zugfahrt in Helvetien stand nicht mit Spanien, sondern mit Frankreich in Verbindung. Und sie erfolgte bereits im Juni 1844, als eine prustende Maschine Waggons nach Basel (bzw. in einen Vorort) zog. Die älteste Universitätsstadt des Landes - die Hohe Schule wurde 1460 gegründet - ist daher auch dessen älteste Bahnstation.

Bleibt die Fußnote, dass die Schienen auf eidgenössischem Gebiet im Premierenjahr keine zwei Kilometer lang waren: Es handelte sich ums Anschlussgleis an die französische Bahn, der die Anbindung der Handelsmetropole (Rheinhafen mit Schiffsweg zum Meer!) ins Konzept passte.

Etwa ein Vierteljahrhundert später begnügte sich die Schweiz nicht mehr mit Eisenbahn-Stückwerk. Man stürmte das Gebirge.

Lok auf Pilatus (um 1900). - © Archiv/gemeinfrei
Lok auf Pilatus (um 1900). - © Archiv/gemeinfrei

Anno 1871 gelang eine Pioniertat, die offizielle Eröffnung von Europas erster Zahnradbahn; ein "schiefes" Lok-Ungetüm (eingeschnittenes Bild in Panorama-Darstellung oben) brachte Touristen weit hinauf auf das bis zu 1798 Meter hohe Rigi-Bergmassiv - konkret auf 1550 Meter Höhe. Zwei Jahre danach fuhr man sogar bis auf 1752 Meter. Nebenbei: Einziger eiserner Rigi-Pfad war diese Strecke nur kurz. 1875 wurde eine weitere Bahn fertig.

Nach geraumer Zeit bekam die Rigi-Wunderwelt aber Konkurrenz. Die "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" zitierte am 14. Juni 1889 den "Berliner Börsen-Courier" mit der Aussage: Was die Rigi-Bahn (...) zu bieten vermag, erscheint ärmlich und eintönig. Als Beweis führte das deutsche Blatt den Schienen-Triumph auf einem Bergstock gegenüber dem Rigi-Massiv an: die Strecke auf den Pilatus.

Elektrische Jungfraubahn (Projekt-Gemälde vor 1898). - © Archiv/gemeinfrei
Elektrische Jungfraubahn (Projekt-Gemälde vor 1898). - © Archiv/gemeinfrei

Laut Wiedergabe in der "Abendpost" schwärmte die Berliner Zeitung in puncto Pilatus-Bahn von der Kühnheit der Conception und der Genialität ihrer Aufführung (= des Baus). Die preußische Gazette hob auch hervor, die Fahrzeit auf Rigi und Pilatus sei mit ca. eineinhalb Stunden ungefähr die gleiche (...); aber der Pilatus überragt den Rigi noch um 1000 Fuß (der Gipfel liegt in 2129 Meter Höhe).

Doch am besten vergessen wir derlei Vergleiche. Fakt ist ja: Helvetien hatte mit allen Berg-Projekten seinerzeit die Nase vorn.

Eine der Meisterleistungen in den Westalpen gehört nicht mehr in die Dampflok-Ära, jedoch in die Liste der Gipfelsiege der Eisenbahn im Land der Kantone. Im Juli 1896 begonnen, ging die elektrische Jungfraubahn erst im August 1912 voll in Betrieb (wobei man schon 1898ff Teilstrecken befuhr). Auf 9,3 Kilometer Schienen führt die Bahn in 3454 Meter Höhe. Das ist europäischer Rekord.

Streckenwärter-Familie an einer Hauptbahnlinie einst. - © gemeinfrei/Gemälde: Hans Baluschek (1870-1935)
Streckenwärter-Familie an einer Hauptbahnlinie einst. - © gemeinfrei/Gemälde: Hans Baluschek (1870-1935)

Summa summarum errang das Schweizer Eisenbahnwesen also trotz späten Beginns eminente Erfolge. Heute ist die Eidgenossenschaft bei der Schienennutzung Vorbild vieler Länder. Kann man aus der langsameren, doch in höchste Höhen vordringenden Bahngeschichte Schlüsse ziehen?

Das aus Alt-Österreich bekannte Elend vieler Eisenbahnerfamilien (so stand etwa die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, die KFNB, für "Kein Fleisch - Nur Brot" in den Haushalten der Beschäftigten) gab es, freilich verspätet, in Alt-Helvetien ebenso. Aber vielleicht ersparte sich unser Nachbar manches Problem, indem er der technischen Entwicklung nicht blindlings nachlief, sondern zuerst den Lauf der Dinge ein wenig beäugte, um letztlich (z.B. bei Zahnradbahnsystemen) überlegt zuzupacken.

KopfnussSagt man korrekt der oder die Rigi? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)