Mitternacht in einem brechend vollen Wiener Etablissement. Das Cabaret "Nachtlicht" feiert Eröffnung mit buntem Programm. Ein junger Schriftsteller wagt sich das erste Mal ins Rampenlicht und liest eigene Humoresken.

Eine geht so: Ein Mann gibt der neuesten Mode nach und leistet sich einen Panamahut. "Steht Ihnen fa-mos", betont ein Bekannter, äußert aber gleich Bedenken: "Ein Regenspritzer und er ist futsch." Ein zweiter lobt: "Sehr chic. Wirklich." Aber: "In dem Toilette-Ensemble stört der schöne Hut bloß." Und so weiter.

Einer nach dem andern versteht es, das wertvolle Stück herabzusetzen. Bis sein Besitzer es einem Droschkengaul schenkt, sich selbst einen billigen Filzhut kauft und damit unbehelligt durchs Leben geht.

Das Publikum gähnt, die Kritiker ätzen. Nur einer ist begeistert: Karl Kraus. Und er weiß Trost für den Geschmähten. Am 19. Jänner 1906, fast zwei Wochen nach der Darbietung, druckt der "Fackel"-Herausgeber zwei Skizzen des Autors ab, darunter "Der Panamahut". Der Name, Egon Friedell, war weitgehend unbekannt.

An der von Friedell durch den Kakao gezogenen Kopfbedeckung hatten elegante Herren und Damen damals rund um den Globus einen Narren gefressen. Wer das nötige Kleingeld aufbringen konnte, trug den Hut, in Wien ebenso wie in New York oder Tokio.

Panamahut; Erich Mühsam (1878-1934); Egon Friedell (1878-1938). - © Bilder: Reklame 1884, Bundesarchiv/D (E. Mühsam), Archiv. Collage & Schmuckfarbe: M. Hackenberg
Panamahut; Erich Mühsam (1878-1934); Egon Friedell (1878-1938). - © Bilder: Reklame 1884, Bundesarchiv/D (E. Mühsam), Archiv. Collage & Schmuckfarbe: M. Hackenberg

Verwirrung stiftet der Name, unter dem er landläufig bekannt ist. In der Rubrik Vermischtes sorgte die "Wiener Zeitung" am 25. August 1904 mit einem Artikel für Aufklärung.

Dass die Heimat der Panama-Hüte keineswegs in Panama liege, wisse wohl jedermann. Vielmehr seien es die Indianer von Ecuador, die das zarteste Stroh am geschicktesten zu flechten verstünden. Verwendet werden dafür die Blätter einer Art Palme, die "Carludovica palmata" oder auch Toquilla-Pflanze genannt wird.

Nicht weniger als ein bis zwei Monate Arbeit stecken in den kostbarsten Exemplaren aus Fasern fein wie Leinenfäden. Bis vor wenigen Jahren, so unser Blatt 1904, wurden die besten Hüte in dem kleinen Orte Jipijapa, ca. 50km südlich der Hafenstadt Manta, angefertigt. Die neue Kolonie der Strohhutflechter ist das nahegelegene Montecristi (im "WZ"-Text Monte Christi geschrieben), wo die Luft in der Höhe das Stroh feucht und biegsam hielt.

Flechterin in Südamerika. - © Gemälde (Ausschnitt): M. M. Paz (1820–1902)/gemeinfrei
Flechterin in Südamerika. - © Gemälde (Ausschnitt): M. M. Paz (1820–1902)/gemeinfrei

Beim Erkunden dieser Gegend im Westen des Landes fühlten sich Reisende in ferne Vergangenheit, in das Reich der Inkas, versetzt.Und überall konnte man beobachten, wie vor den Bambusbehausungen Männer, Frauen und Kinder sitzen und über Holzformen, die sie zwischen den Knien halten, die Hüte flechten.