Als ihre Männer aufgaben, kämpften die Karthagerinnen auf der Mauer. - R.: Roms Scipio d. J. (mit Helm) ließ Brände wüten.  - © Alle Bilder (gemeinfrei): J. G. Ziehnert, Bildergallerie ..., Meissen o.J. (=1832ff)/W. Christian, Allg. Weltgeschichte, Fürth 1898/J. Perthes, Atlas antiquus, Gotha 1897/Spamers Ill. Weltgesch. II, Leipzig 1896
Als ihre Männer aufgaben, kämpften die Karthagerinnen auf der Mauer. - R.: Roms Scipio d. J. (mit Helm) ließ Brände wüten.  - © Alle Bilder (gemeinfrei): J. G. Ziehnert, Bildergallerie ..., Meissen o.J. (=1832ff)/W. Christian, Allg. Weltgeschichte, Fürth 1898/J. Perthes, Atlas antiquus, Gotha 1897/Spamers Ill. Weltgesch. II, Leipzig 1896

DIC MIHI, SI FIAS TU LEO, QUALIS ERIS? In großen Lettern mag der Spruch des Spötter-Poeten Martial (40-ca. 103 n. Chr.) manch nobles römisches Heim geziert haben. Klingt doch selbst in der Übersetzung, die stets dem Original nachhinkt, beißender Witz durch: Sage mir - wenn du ein Löwe wärest, wie würdest du dich verhalten?

Solche Würze des Worts schätzten Patrizier im satten Imperium Romanum des 1. Jh.s n. Chr., als die Weltmacht ihrer weitesten territorialen Ausdehnung zustrebte. Gepriesen wurde damals aber neben Literatur vornehmlich der Ruhm des Römertums. Die staatliche Ordnung war schließlich nach der Ära der Bürgerkriege fest gesichert, auch äußere Feinde brauchte niemand zu fürchten...

Den Weg in diese glanzvolle Zeit hatte 146 v. Chr. ein Meilenstein markiert: die Vernichtung Karthagos. Der gefährlichste Konkurrent des Reichs war dem Erdboden gleichgemacht worden. Zuvor hatten allerdings ganz andere Löwen als die konjunktivischen des Martial die Urkraft des Erzfeinds spüren lassen.

Hannibal (vorn), der große Punier. - Rechts: Karte seiner Stadt. - © Bilder: Archiv/gemeinfrei
Hannibal (vorn), der große Punier. - Rechts: Karte seiner Stadt. - © Bilder: Archiv/gemeinfrei

Nicht geheuer schien dem patriarchalischen Rom dabei wohl vor allem: Diese Löwen waren - bei Jupiter! - Löwinnen gewesen. Mädchen und Mütter der belagerten Stadt hatten mit den wenigen vorhandenen und improvisierten Waffen den Kampf gegen die Eroberer aufgenommen, nachdem die Väter bzw. Gatten keinen Ausweg mehr erblicken konnten.

Waren die Männer aus Feigheit gewichen? Sie wussten, dass sie nach der Kapitulation der Tod erwartete. Sie hofften jedoch, dass ihre Frauen und Kinder in Sklaverei überleben würden. Und sie wussten, dass Roms Truppen unter Scipio d. J. bereits gesiegt hatten.

Denn Karthago stand waffenlos da. Die Römer hatten vor Auslöschung der Stadt in klassisch imperialistischer Manier als "Friedensgarantie" die Ablieferung allen Kriegsgeräts verlangt.

Im Vertrauen auf die Vertragstreue der Römer hatten die Führer von Kart Chadascht (= phönizisch bzw. punisch Neustadt; lateinisch zu "Carthago" verballhornt) nach einigem Bedenken zugestimmt. Schlussendlich überfiel dann unter einem Vorwand Scipio der Jüngere das wehrlose Gemeinwesen.

Vielleicht 17 Tage, vielleicht etwas kürzer oder länger, ließen die Eroberer die Metropole, die Weltkultur des Altertums verkörperte, brennen.

Auch die Bibliothek fiel in Schutt und Asche; nicht zuletzt durch diese Barbarei ging die in Karthago gepflegte punische Literatur verloren, deren Existenz römische und griechische Autoren erwähnen. Offensichtlich wollten die Männer an der Spitze des Imperium Romanum bewusst alle geistigen Schöpfungen der Punier vernichten.

Wieviele Menschen in der Stadt starben, ist kaum zu sagen. Unter Umständen überlebten von ca. 300.000 Bewohnern 50.000. Wer seine Haut retten konnte, beneidete oft bald die Toten - Sklave der Feinde zu sein, war ein schlimmes Los.

Münzen Karthagos: Stadtwappen; Schutzgöttin Tanit. - © Bilder: Archiv/gemeinfrei
Münzen Karthagos: Stadtwappen; Schutzgöttin Tanit. - © Bilder: Archiv/gemeinfrei

Auf Eroberung und Raub zielten Rom wie auch lange Zeit Karthago. Doch Letzteres hatte sowohl 264-241 v. Chr. als auch 218-201 v. Chr. im 1. bzw. 2. Punischen Krieg (in diesem bezwang der römische Konsul Scipio d. Ä. den anfangs siegreichen Hannibal) den Kürzeren gezogen. Danach bildete der geschlagene, abgerüstete und auf Afrikas nördlichste Spitze reduzierte Punier-Staat keinerlei militärische Gefahr mehr.

Trotzdem zog das Imperium Romanum zum dritten, zum Vernichtungskrieg aus.

Warum? Nach Krieg II blühte Karthagos Agrarwirtschaft. Das störte den Feind. Handel der Völker fördert den Frieden; das Römerreich aber duldete keinen Konkurrenten.

Noch anderthalb Jahrhunderte nach dem Tod der Stadt fürchtete Rom die Punier und verbot so lange die Neubebauung. Heute ist Karthago Villen-Vorort von Tunis; Teile der Ruinenstätte sind zu sehen. Dort wird schon lange geforscht.

Vor 160 Jahren, am Dinstag (sic!), den 6. September 1859, schrieb die "Wiener Zeitung": Herr Beule (= Charles Beulé, 1826-1874), ein junger Archäologe, ist (...) unermüdlich damit beschäftigt, Ausgrabungen auf den Trümmern von Karthago anzustellen. U.a. fand er (...) eine Art Thurm und nebenbei eine Schicht von (...) geschmolzenem Metalle, - sprechende Spuren des furchtbaren Brandes anno 146 v. Chr.

Allein dieses Inferno lässt uns fragen, wie es in Rom wirklich um die Kultur stand. Das Imperium war in erster Linie Kriegsmacht. Kultur pauste das Reich vor allem von den Griechen ab. Latein mit seiner Literatur ist dennoch eine großartige Sprache. Wir sollten jedoch nicht vergessen: Hätten die Punischen Kriege anders geendet, würde jetzt an unseren Gymnasien statt des "feinen" Latein wohl "barbarisches" Punisch gelehrt.

Kopfnuss: Wer schloss in Rom vor dem 3. Punischen Krieg Reden angeblich mit "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" ("Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss")? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)