Zur Rechten eine blanke Felswand, zur Linken ein schwindelerregender Abgrund: Am Schweizer Rigimassiv hoffen Reisende seit den 1870ern, dass die Zahnräder der Bahn ordnungsgemäß greifen und das Gefährt sicher den Gipfel erklimmt. Wie der abenteuerliche Aufstieg mit den Bergbahnen erfolgreich vonstattengeht, recherchierte die Gemeine anlässlich der Orchidee der Nro. 396.

Zunächst benötigt man ein ausgeklügeltes Zahnradsystem. Das Grundprinzip erklärt Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz: Zahnräder, die am Triebwagen montiert sind, greifen in eine Zahnstange, die meist "zwischen den beiden Schienen" befestigt ist. Das Fahrzeug rastet also regelrecht ein. Damit ist der notwendige Halt bei steilen Anstiegen bzw. Gefällen sichergestellt. Die herkömmlichen Reibungs- oder Adhäsionsbahnen, die ohne Zahnräder auskommen, stoßen hingegen im Gebirge oft an ihre Grenzen.

Den Erbauer des Zahnradsystems, mit dem man sich dem Rigi-Gipfel von Vitznau aus per Bahn nähern kann, nennt Mag. Robert Lamberger, Wien 4: Nik(o)laus Riggenbach (1817-1899). 1871 wurde seine Konstruktion, die als erste europäische Bergbahn gilt, eröffnet. (NB: Sie fand u.a. auf Seite III der August-Zeitreisen Erwähnung.)

Blick auf die historische Pilatusbahn: Man beachte den querliegenden Kessel.  - © Bild: Dank an Dipl.-HTL-Ing. Heinrich Hetzer für Kopie! Koloriert von Philipp Aufner (WZ)
Blick auf die historische Pilatusbahn: Man beachte den querliegenden Kessel.  - © Bild: Dank an Dipl.-HTL-Ing. Heinrich Hetzer für Kopie! Koloriert von Philipp Aufner (WZ)

Die technische Errungenschaft des Pioniers erklärt Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf: Die "Zahnstange hat links und rechts ein U-Profil, das nach außen gerichtet ist ... In der Mitte sind Zähne als Sprossen wie bei einer Leiter eingesetzt."

Bis heute ist übrigens umstritten, ob Riggenbach das System abgekupfert haben könnte. Denn bereits 1861 erhielt ein gewisser US-Amerikaner namens Sylvester Marsh das Patent für ein Leiterstangensystem, das dem des Schweizers zum Verwechseln ähnlich ist.

Ungeklärt ist ebenso die Entstehung der sogenannten "Gegendruckbremse". Dr. Karl Beck, Purkersdorf, notiert dazu: Dabei "wird die Funktionsweise der Dampfmaschine umgedreht, indem in einem Kolbenkompressor die Luft verdichtet wird." Riggenbach gilt für viele als Urheber dieser Technik. Jedoch hatte schon "1851 ... der schottische Ingenieur John Haswell" die "Lokomotive Vindobona in Wien für die Semmeringbahn" mit einer ähnlichen Bremsvorrichtung ausgestattet.

Ob die Ideen unabhängig voneinander entstanden, verbessert oder schlicht kopiert waren, lässt sich - wie so oft - nicht mehr klären. Riggenbach gilt jedenfalls unumstritten als tatkräftiger Bahnbauer.

Ansturm auf den Gipfel

Schienenpionier Nik(o)laus Riggenbach (Mitte) mit Querschnitt der U-förmigen Stange und dem einrastenden Rad. Eduard Locher (rechts); sein System: Zwei Zahnräder liegen einander waagrecht gegenüber. Carl Roman Abt (links) und seine Erfindung: Zwei versetzt nebeneinander liegende Räder, die in separate Stangen einrasten.  - © Bilder: Archiv; Collage: Philipp Aufner/WZ
Schienenpionier Nik(o)laus Riggenbach (Mitte) mit Querschnitt der U-förmigen Stange und dem einrastenden Rad. Eduard Locher (rechts); sein System: Zwei Zahnräder liegen einander waagrecht gegenüber. Carl Roman Abt (links) und seine Erfindung: Zwei versetzt nebeneinander liegende Räder, die in separate Stangen einrasten.  - © Bilder: Archiv; Collage: Philipp Aufner/WZ

Das "Medienecho auf die technische Leistung und der sich ... abzeichnende finanzielle Erfolg weckte ... Begehrlichkeiten", so Brigitte Schlesinger, Wien 12: "Überall wurden Zahnradbahnen gebaut ... Es war der Beginn des Ausflugstourismus und der Höhepunkt der Gründerzeit, mit viel Kapital, das darauf wartete, investiert zu werden".