Nur 1,50m groß, zierlich, stark kurzsichtig und seit ihrer Kindheit kränklich", so beschreibt Dr. Alfred Komaz, Wien 19, die Dichterin Annette Freiin von Droste zu Hülshoff. In keiner deutschen Literaturgeschichte darf die 1797 im westfälischen Familienschloss Hülshoff geborene Autorin fehlen. Bis an ihr Lebensende 1848 brach die Katholikin mit Erwartungen ihres Standes und gesellschaftlichen Konventionen. Um ihr schriftstellerisches Talent und ihre Reiselust drehten sich die Spezialfragen der Rubrik KARTEN GELESEN der Nro. 396.

Droste erhielt als Mädchen Privatunterricht. Man legte Wert auf die Vermittlung von Sprachen und Naturwissenschaft, auch ihre musische Begabung wurde gefördert. Schon in jungen Jahren erfasste sie eine regelrechte Lesewut und bald entsprangen ihrer Feder eigene Liedkompositionen.

Ein Einschnitt kam vor ihrem dreißigsten Lebensjahr, als sie 1826 den Tod des Vaters beklagen musste. Nach einem gemeinsam mit ihrer Mutter unternommenen Umzug auf das Gut Rüschhaus bei Münster brauchte Droste Abstand. Sie nahm ihre Reiseaktivität im Rheintal wieder auf.

Bereits 1825 war die Lyrikerin nach Köln gekommen. Dort kam sie, wie Dr. Manfred Kremser, Wien 18, festhält, bei einem Verwandten mütterlicherseits, Werner von Haxthausen, unter. Der "preußische Regierungsrat" lebte "mit seiner Frau Betty" in der Stadt. Droste konnte sich dort "erstmals frei von familiären Zwängen ... bewegen und viele Bekanntschaften machen. So war es offensichtlich nicht nur das von den Ärzten empfohlene Klima am Rhein, das ihr gesundheitliches Befinden drastisch besserte."

In guter Gesellschaft

Vergnügen bereitete ihr bestimmt auch die Bibliothek des Onkels, über die sie sich hermachte, um sie zu ordnen, wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, notiert.

"Im Herbst 1825 war sie in Köln zufällig Zeugin der Probefahrt des ganz neuen Dampfschiffs "Friedrich Wilhelm"", so Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10; vom Landesteg aus beobachtete sie das Ereignis und "beschloss, so bald wie möglich per Schiff nach Koblenz zu fahren."

Von ihrer Faszination zeugt ein Brief an ihre Mutter. Daraus zitiert Gerhard Toifl, Wien 17: Im "Schiffe steht eine hohe dicke Säule, aus der unaufhörlich der Dampf hinausströmt in einer grauen Rauchsäule mit ungeheurer Gewalt und einem Geräusch, wie das der Flamme bei einem brennenden Hause. Wenn das Schiff stille steht, oder wenn der Dampf so stark wird, daß er die Sicherheitsventile öffnet, so fängt das Ding dermaßen an zu brausen und zu heulen, daß man meint, es wollte sogleich in die Luft fliegen. Kurz das Ganze gleicht einer Höllenmaschine, doch soll gar keine Gefahr dabei sein, und ich möchte diese schöne Gelegenheit wohl benutzen, um nach Coblenz zu kommen."