Bringen Scherben dem Zertrümmerer Glück? Im Falle eines Korsen, den Wien unwiderstehlich anzog, dem aber der Semmering den Weg verstellte, hat es sich wohl so verhalten.

Rekapitulieren wir die Vorgeschichte: Anno 1797 marschierte der 27 Jahre junge General Napoleon mit seinen Truppen von Italien bis in die Obersteiermark - von Sieg zu Sieg. Die Kaiserstadt schien greifbar nahe. Da erkannte der gewiefte Stratege, dass er zu weit vorgeprescht war. Über den Semmering, das ging einfach nicht mehr! In ihrem alten Trott bleibend merkten die Aristokraten, die Österreichs Heer führten, nichts. Napoleon bluffte, gab sich großzügig. Er schloss mit Habsburgs Befehlshabern in Leoben einen Vorfrieden.

Damit zur eigentlichen Geschichte. Nach dem Vor-Traktat vom 18. April 1797 feilschte man um den definitiven Frieden. Das zog sich. Die hohen Herren, die den in Wien residierenden Monarchen vertraten, folgten nämlich am Konferenzort, Schloss Campoformi(d)o bei Udine, der Devise: Verhandeln, verhandeln und den Gegner, den kleinwüchsigen Militär, zermürben.

Doch der Mann aus Korsika bluffte wieder. Wie man einst berichtete, packte er an der noblen Stätte eine wertvolle Vase, zerschlug sie und schrie, so werde er das Habsburgerreich behandeln (vgl. zeitgenössische Illustration l. ob. in der Bildleiste). Die Bevollmächtigten des Kaisers erschraken. Der Vertrag, den sie dann bald unterschrieben, fiel für Frankreich günstig aus.

Wienerinnen und Wiener, die 1809 Bonaparte offiziell begrüßten, ihn jedoch nicht milde stimmen konnten. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Wienerinnen und Wiener, die 1809 Bonaparte offiziell begrüßten, ihn jedoch nicht milde stimmen konnten. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

In der nächsten Zeit bot sich Napoleon keine Gelegenheit, der Donaumetropole eine Visite à la Bonaparte abzustatten. Er war einfach viel zu beschäftigt: Er focht in Ägypten, stürzte in Paris das (Regierungs-)Direktorium, nahm Titel wie Rang des Ersten Konsuls an und krönte sich schließlich 1804 zum Kaiser der Franzosen.

Ein Jahr später jedoch marschierte er gen Wien. Nicht via Semmering, sondern via Linz/St. Pölten. Auf Schloss Schönbrunn dürfte der Imperator recht neugierig gewesen sein: Er nahm dort Quartier; es gefiel ihm - bis auf die Ausstattung. Die Besatzer, die nur zwei Monate (bis Anfang 1806) in der Stadt blieben, traten eher mild auf. So nahmen sie zwar Wiener Bürgern Uhren ab, zahlten aber dafür gut. Mit Beutegeld.

Anno 1809 war alles anders. Die Scherben von Campoformi(d)o mochten dem Korsen das Glück gebracht haben, noch ein zweites Mal Habsburgs Residenz zu sehen. Doch den Menschen der alten Metropole brachte das viel Unglück. Zweifellos hatte Österreichs Herrscher Franz I. (II. bis 1804) seinen Part daran: Seinem unsinnigen Befehl gemäß durfte Wien nicht mehr wie vier Jahre zuvor friedlich übergeben werden.

Folge: Die gegen moderne Kanonen wehrlose Stadt wurde in der Nacht zum 12. Mai (von Geschützen aus) bombardiert. Es entstand Panik, als Brände ausbrachen und Gebäude (u.a. der Stephansdom) schwere Schäden erlitten.

Jeder Ausgang (hier zum Wasserholen) machte Angst. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Jeder Ausgang (hier zum Wasserholen) machte Angst. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Die in der Früh endlich erklärte Kapitulation der k.k. Residenz brachte bei der Bevölkerung wie bei den bald einziehenden Okkupationstruppen keinen psychologischen Umschwung: Die Stimmung gegen die fremden Soldaten war aufgeheizt; die Militärs wiederum fürchteten, sie könnten in einen Hinterhalt geraten. War 1805 der Feind noch winkend empfangen worden, so zeigten die Wienerinnen und Wiener 1809 ostentativ finstere Mienen. Das Besatzungsregime schaltete auf Härte.

Dazu stand es arg um die Disziplin in Napoleons Armee. Als Stadtbewohner wie vormals mit Bayern und Württembergern im Heer reden wollten, gab es trotz gemeinsamer Sprache kaum Kontakt. Daswar tragisch. Lediglich zwei Beispiele aus Vororten: Im Dorf Ottakring raubten Trupps den Schottenhof (er lag nahe dem heutigen Kantnerpark) und die Kirche aus. In Neulerchenfeld plünderten besoffene Haudegen das Lokal "Zum weißen Schwan" und verletzten den Wirt tödlich.

Bewährte Offiziere und erfahrene Bürger suchten Übergriffe zu verhindern; es half leider wenig. In Wien dachten viele, dieser Napoleon von 1809 sei ein anderer als der frühere. Darin steckt Wahres. Bonaparte, der lange propagiert hatte, er kämpfe gegen absolute Fürsten, ging 1808 brutal gegen ein ganzes Volk vor - die aufständischen Spanier. Das war Politik ohne Maske.

Es passte, dass der Korse dann Wien im eisernen Griff hielt - wie die "Wiener Zeitung", die Besatzungsorgan sein musste. Am 14. October 1809 freilich feierte das Blatt in dieser Funktion: Eine Ausserordentliche Beylage meldete nämlich offiziell, daß der Friede mit Napoleon unterzeichnet worden ist. Am 20. November sollten Frankreichs Truppen Wien schließlich verlassen. Es gab drückende Friedensbedingungen, auch wurden vor dem Abzug Befestigungen gesprengt. Doch die Stadt atmete auf.

KopfnussWo residierte Napoleon 1809 in Wien? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)