Ich will nichts gegen das Eröffnungsprogramm sagen; ich bin sogar überzeugt, daß es dem großen Publikum riesig gefallen hätte, aber wir konnten das eben niemals feststellen, weil kein Publikum da war", so schildert der Literat Egon Friedell den Debut-Abend der im Herbst 1907 eröffneten "Fledermaus" in Wien. Er schrieb diese Worte ein Vierteljahrhundert später in einem Jubiläums-Beitrag für die Zeitschrift "Die Bühne". Zu diesem und anderen Cabarets, so die alte Schreibung, in Wien um die Jahrhundertwende recherchierte die Gemeine anlässlich der Frage 2 der Nro. 398.

Zunächst soll aber noch einmal Friedell zu Wort kommen, der behauptete, dass in der "Fledermaus" das Auditorium anfänglich "selten mehr als 28 Personen" zählte. Das war nämlich die Anzahl der Kellner.

Für den Premierenabend hatte man große Namen auf die Bühne geholt. Details nennt Dr. Peter Schilling, Wien 18: Das Cabaret "Fledermaus" in der Kärntner Straße 33 nahm am "19. Oktober 1907" seinen Spielbetrieb "in Form einer "Generalprobe"" auf. Der Eröffnungsabend fand "mit der berühmten Chansonnette und Diseuse Marya Delvard" (1874-1965) statt.

Bühnenraum des alten Cabaret "Fledermaus", gezeichnet von J. Hoffmann (Ausschnitt). - © Theatermuseum
Bühnenraum des alten Cabaret "Fledermaus", gezeichnet von J. Hoffmann (Ausschnitt). - © Theatermuseum

Zur gebürtigen Lothringerin ergänzt Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Sie war die Ehefrau von Marc Henry (1873-1943). Gemeinsam gründeten sie sowohl die "Fledermaus" als auch deren Vorgänger-Etablissement, "das Cabaret "Nachtlicht"". Dazu später mehr.

Dr. Manfred Kremser, Wien 18, notiert weitere Kapazunder des ersten Abends in der "Fledermaus": So etwa "Lina Loos (Gattin des Architekten Adolf Loos, Anm.) als Sprecherin von Peter Altenbergs Prolog". Doch "wirklich große Bekanntheit erlangte die "Fledermaus" . . . erst . . . ab der Silvesternacht 1907/08 - . . . durch das Kurztheaterstück "Goethe im Examen". Diese Groteske von Egon Friedell und Alfred Polgar war eine Satire auf die Überhebung des Autors Goethe zum Genie."

"Nachtlicht"-Gründertrio: Delvard (l.ob.), Henry (r.), Ruch. - © Bilder: gemeinfrei/Archiv
"Nachtlicht"-Gründertrio: Delvard (l.ob.), Henry (r.), Ruch. - © Bilder: gemeinfrei/Archiv

"Raum für Schmuggler"

Damit ging der Wunsch eines ungenannten "Fledermaus"-Kritikers in Erfüllung. Dieser soll, so Dr. Kremser, gesagt haben: "Hoffentlich wird das Programm mit der Zeit das künstlerische Niveau dieses Interieurs erreichen".

Das Cabaret "Fledermaus" war, so Dr. Richard Baier, Graz-Andritz, ein "Gesamtkunstwerk". Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Von der räumlichen und dekorativen Gestaltung her war dies ein typisches Kind der Secession und der Wiener Werkstätte . . . Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zählten zu den Ausstattern. Es bot 300 Gästen Platz."