Am 20. August 1774 erhielt Maria Theresia ein rätselhaftes Schreiben von einem gewissen Mr. de Ronac. Dr. Harald Jilke, Wien 2, zitiert eine Quelle: "Vom äußersten Westen Europa’s sei er nach Wien geeilt, um ihr Dinge mitzutheilen, welche ihr Glück, ihre Ruhe, das innerste ihres Herzens betreffen".

Um welche dringende Angelegenheit es ging und warum der Mann allerhöchstes Misstrauen weckte, recherchierte die Gemeine anlässlich der kleinen Nuss Nro. 395. Doch bevor wir das Geheimnis lüften, beleuchtet der Tüftlerkreis jenes Projekt, mit dem die Regentin damals gerade beschäftigt war: Eine Neuordnung des Bildungssystems. Mathilde Lewandowski, Payerbach: "Der erste Schritt zu einer umfangreichen Reform des Schul- und Studienwesens" war schon 1760 mit "Schaffung der ersten staatlichen Zentralbehörde, der Studien- Hof-Commission", erfolgt.

Nun sollte es an die elementare Bildung gehen. Hierfür hatte Maria Theresia einen Fachmann im Auge. Christine Sigmund, Wien 23: Der Augustiner Chorherr und Abt von Sagan, Johann Ignaz von Felbiger (1724-1788), hatte "1763 für die katholischen Schulen Preußisch-Schlesiens ein "General-Land-Schul-Reglement" entworfen, welches gute Erfolge erzielte." Da Sagan (nun Zagań, Polen) seit 1742 preußisch war, musste Maria Theresia bei ihrem Erzfeind Friedrich II. um Entsendung Felbigers bitten. Der Abt durfte 1774 nach Wien reisen.

Schulreformer Felbiger (1724-1788); rechts: Unterrichtsszene aus einer seiner Schriften. - © Bilder: Archiv/gemeinfrei
Schulreformer Felbiger (1724-1788); rechts: Unterrichtsszene aus einer seiner Schriften. - © Bilder: Archiv/gemeinfrei

Hilfe vom Erzfeind

Was Manfred Bermann, Wien 13, erstaunt, ist, dass die beiden Staatsoberhäupter, die jahrelang Krieg geführt hatten, einander "bei Bedarf . . . geholfen zu haben" scheinen. "Sie haben beide gesehen, was sich im anderen Land . . . bewährte" - ein bemerkenswerter Weitblick, findet der Tüftler.

Die Frucht von Felbigers Arbeit nennt Alexander Gosciniak (willkommen in der Gemeine!): Am 6. Dezember 1774 trat in den Erblanden die "Allgemeine Schulordnung" in Kraft. Wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, notiert, wurden "drei Arten von Pflichtschulen" festgelegt: "ein- bis zweiklassige Normalschulen, drei- bis vierklassige Hauptschulen (in größeren Orten) und Trivialschulen" (Vorläufer der Volksschule). Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Es wurde "die Unterrichtspflicht für 6-12-Jährige eingeführt", das Elementarschulwesen kam unter "einheitliche organisatorische Leitung". Felbiger begründete den "planmäßigen Religionsunterricht". Sein "tendenziös verfasster Katechismus" war allerdings "weniger erfreulich".