Ganz ehrlich: Wer hat noch nie Christbaumkreuze verflucht? Entweder passt der Stamm nicht und nicht in das verflixte Gestell oder, fast noch schlimmer, es passt alles schlecht und recht - die Weihnachtsfichte steht schief!

In dieser misslichen Lage Hand und Werkzeug anzulegen, ist riskant. Maler Adolf Lüben (1837-1905), ein wahrer Bildreporter, hat das in seinem rechts wiedergegebenen Werk (neu koloriert in der "WZ"-Reproabteilung) drastisch festgehalten. Eine schöne Bescherung: Da sitzt der Baum-Meister vor dem umgestürzten Festobjekt und reibt sich den Arm. Es bleibt zu hoffen, dass der gute Mann nicht ernstlich verletzt ist. Seine vom Herd herbeigeeilte Frau blickt allerdings besorgt...

Noch ärger als das Kreuz mit den Christbaumkreuzen kann freilich das Kreuz mit den Christbäumen drücken. Eine offensichtlich der sozialen Wirklichkeit der Kaiserstadt im Fin de siècle (oder wenig später) entlehnte Geschichte lässt uns in dieser Hinsicht einiges erahnen. Erschienen ist die Darstellung in einer längst vergessenen Zeitschrift, die den Titel "Wiener Kinder" trug.

"Unter Mitwirkung von Lehrern und Schulfreunden" gab Bürgerschuldirektor Karl Haller (Anschrift: Wien IV., Preßgasse 24) dieses Monatsblatt heraus. Mit Fug und Recht darf man davon ausgehen, dass die hohe Schulobrigkeit dem publizistischen Projekt wohlwollend gegenüberstand. Ohne Einverständnis der Unterrichtsbehörde hätte es ein Pädagoge kaum wagen dürfen, eine Zeitschrift für Jugendliche zu gestalten; Lehrer wurden einst gegängelt und schnell entlassen.

Damit zu der Erzählung "Weihnachten", die die "Wiener Kinder" im Dezember-Heft 1906 abdruckten.

"Schon den ganzen Tag über saß der kleine Franzl zusammengekauert in sein Wollmäntelchen gehüllt auf dem Holzschemel neben seinen Christbäumen und wartete auf Käufer", heißt es darin einleitend (vgl. die links eingerückte Illustration, die den Beitrag schmückte).

Alt-Wiener Weihnachtsmarkt: Kleiner armer Händler, kleiner armer Strawanzer.  - © Bild aus: Wiener Kinder, 1906
Alt-Wiener Weihnachtsmarkt: Kleiner armer Händler, kleiner armer Strawanzer.  - © Bild aus: Wiener Kinder, 1906

Mit seiner recht mickrigen Ware hatte der Bub bisher "wenig Glück gehabt". Auch zog eine lautstarke Marktfrau fast alle Interessenten an, während der Kleine "mit seinem dünnen (...) Stimmchen" übrigblieb. Erst zwei Bäumchen hatte er angebracht - dabei war in ein paar Stunden Weihnachtsabend. Und der "Vater drohte ihm (...) mit einer Tracht Prügel, wenn er nicht alle verkaufe". Einziger Hoffnungsschimmer Franzls waren nicht weitere Kunden, sondern seine Mutter. Die könnte "sich beschwichtigend ins Mittel legen und vielleicht würden sich die versprochenen Prügel (...) in Kletzenbrot verwandeln, wie er es alljährlich zu Weihnachten bekam".