Dagegen sprach allerdings, dass aus dem Erlös der fünf Bäumchen dem Herrn Vater ein von diesem für sich gewünschtes Geschenk gekauft werden sollte - eine Tabakspfeife mit Schnitzerei, die er immer wieder im Schaufenster eines Drechslers bewunderte.

Der kleine Händler sinnierte über Prügel und merkte erst spät, dass ein Altersgenosse mit zerrissenen Schuhen vor ihm stand. Ein Kunde? Bald ergab sich, dass der Besucher kein Geld hatte, elternlos war und bei einer Tante lebte, die sich keinen Deut um ihn scherte. Die zwei Frierenden kamen nun mehr und mehr ins Gespräch. Franzl erzählte von Vater und Mutter, von der Tracht Prügel, vom Kletzenbrot. Franzls Gegenüber meinte, das alles kenne er nicht; er wünsche sich in seiner Lage nur eines innig: einen Christbaum. Noch nie habe er einen besessen.

Franzl ging das zu Herzen. Er selbst schätzte Kletzenbrot mehr als den Glitzerbaum. Doch bei dem armen Kerl war das ganz anders. Er gab ihm daher ein Bäumchen. Der Beschenkte konnte es kaum fassen. Dankend sagte er, er könne jetzt mit einigen Kerzenstümpfen alles fürs Fest "richten". In Franzl "aber ward ein Gefühl rege, das ihn ganz eigentümlich berührte", heißt es dazu in der Geschichte.

Blick auf Titel und Details der ersten Seite des Jugendblatts. - © Bild: Ausschnitte aus "Wiener Kinder", 1906
Blick auf Titel und Details der ersten Seite des Jugendblatts. - © Bild: Ausschnitte aus "Wiener Kinder", 1906

Und wie endete die Sache für den Verschenker? Wie es sich für eine Weihnachtserzählung gehört. Frau Mutter regelte alles. Obwohl nur zwei Bäume Geld brachten, bekam der Vater die Tabakspfeife. Übers Jahr Erspartes half. Rauchend interessierte den Mann das Fiasko auf dem Weihnachtsmarkt nicht sehr. Statt Prügel gab es für Franzl Kletzenbrot.

Ob es tatsächlich so zuging bei den einfachen Leuten Alt-Wiens? Jedenfalls sahen vor dem großen Fest auch Wohlhabende der harten sozialen Wirklichkeit der Massen ins Auge.

So ging die "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abendpost" am 21. Dezember 1906 auf die am Vorabend in der Volkshalle des (...) Rathauses stattgefundene Weihnachtsbescherung der Ortsgruppe Josefstadt-Breitenfeld des Frauen-Wohltätigkeitsvereines für Wien und Umgebung ein. Es wurden 90 Kinder (...) mit Winterkleidern beschenkt und (...) 100 Familien mit Lebensmitteln bedacht (...).

Kopfnuss zum Raten: War die Autorin der zitierten Erzählung Wienerin? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)