Erster Schultag anno 1951. In der Hauptschule in der Ottakringer Wiesberggasse stellt sich ein Lehrer seiner Klasse vor. Als er seinen Namen nennt, brechen die 40 Buben in Gelächter aus: Stieglitz! Wie wird der Pädagoge reagieren? Verlegen? Verärgert? Wütend? Nein. Er greift in die Tasche und zückt einen Ausweis. Neben dem Namen Ludwig Stieglitz sehen die erstaunten Kinder kein Porträtfoto, sondern das Bild eines Vogels. Dann stimmt er mit den Knaben auch noch ein Lied an: "Stieglitz, Stieglitz, ’s Zeiserl ist krank . . ." So gelingt es dem Pädagogen schon in der ersten Stunde, die Herzen seiner Schüler zu gewinnen.

"Fanni" bei ihrem Besuch im Photoatelier. - © Bild: Archiv
"Fanni" bei ihrem Besuch im Photoatelier. - © Bild: Archiv

"Danach hat es nie wieder etwas gegeben", und obwohl in den Bänken etliche "Rowdys" saßen, hat er "uns Buben gut im Griff gehabt", erinnert sich Prof. Ferry Kovarik, Wien 16, der auf Seite I der Zeitreisen Nro. 401 den Namen seines einstigen Klassenvorstandes gelesen hatte und dem Geschichtsfeuilleton daraufhin einige Szenen aus seiner Schulzeit schilderte. "Wenn wir brav waren, hat er sein Glasauge herausgenommen und uns gezeigt." Noch heute ist Prof. Kovarik begeistert: "Er war ein unheimlich fortschrittlicher Pädagoge", der seinen Schülern viel vermitteln konnte. Und das, obwohl viele seiner Zöglinge aus schwierigen Verhältnissen kamen und alles andere als "brav" waren. Fazit: Jede Schülergeneration bräuchte einen Stieglitz!

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Ein weiterer Pädagoge kam im Vormonat aufs Zeitreisen-Tapet: Johann Ignaz von Felbiger (1724-1788), der im Auftrag Maria Theresias das Schulsystem reformierte und eine Unterrichtspflicht (6. bis 12. Lebensjahr) einführte. Zu diesem in Österreich kaum geehrten Mann hat Dr. Hanns Waas, Wien 19, eine Ergänzung: Ihn "rühmt zwar kein Denkmal - sein Grab: verschollen. Jedoch das Gute liegt so nah - nämlich in der Felbigergasse im 14. Wiener Gemeindebezirk!" Der Verkehrsweg hieß einst schlicht Schulweg und wurde 1894 in Erinnerung an den Pädagogen umbenannt.

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Ein stiller Zeitreisender bedankte sich beim Geschichtsfeuilleton "stellvertretend für die stumme Leserschar", die in Nro. 400 (S. VII) gegrüßt wurde. Im selben Kuvert steckte unter anderem ein schöner Flohmarktfund: Die Photographie einer jungen Dame mit "strenger Frisur und hochgeschlossener züchtiger Bekleidung" sowie "Sträußlein und Blüten im Haar". Der melancholische Blick von Fräulein "Fanni", so lautet die Notiz auf der Rückseite des Kartons, erinnert den Spurensucher ein wenig an die aktuelle Sängerin Tanita Tikaram (geb. 1969).

Neben dem Namen ist auch die Anschrift des Photoateliers vermerkt, in dem die Aufnahme wohl um 1900 angefertigt wurde: Reisnerstraße 21, Wien 3.

Diese Adresse sollte einige Jahrzehnte später "eine böse Aura" bekommen, so der Geschichtsfreund, wurde sie doch am 16. März 1938 zum Schauplatz der "Fey-Morde". Der ehemalige Heimwehrführer Emil Fey soll wenige Tage nach dem Einmarsch der Hitlertruppen seine Frau, seinen Sohn und sich selbst erschossen haben.

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner