Ja, in jungen Jahren kann einiges gelingen! Das gilt nicht allein für Menschen, sondern auch für Zeitungen. So trat unser Blatt mit etwa zwanzig Lenzen auf dem Buckel in eine goldene Ära ein - trotz äußerer Umstände, die im alten Wien publizistischen Unternehmen das Leben schwer machten: K.k. Zensur, wenig Kaufkraft potentieller Abonnenten wie Inserenten, arge Postverbindungen, viel Analphabetentum etc.

Acht Seiten im Format eines heutigen Taschenbuchs, zu denen sich oft vier Seiten Anhang (= Beilage) gesellten, standen der Redaktion pro Ausgabe zur Verfügung. Mehr nicht. Doch die Blattgestalter machten das Beste daraus. Für genaue Leserinnen und Leser.

Ein Musterbeispiel gelungener Publizistik bietet das 1725 am 3. Januarii erschienene "Wienerische Diarium" (dem das ursprünglich zweite "n" im Titel bereits fehlte). Allerdings müssen wir zum besseren Verständnis tiefer in eine Epoche eintauchen, die von Feudalismus und Absolutismus geprägt war. Und in der Zeitungsfreunde ihre Gazette äußerst aufmerksam verfolgten. Wofür sie zuweilen damit belohnt wurden, dass ihnen - ein Licht aufging.

Überfallenes türkisches Schiff. Den Insassen drohte Ertrinkungstod oder Elend als Sklave auf einer Galeere. - © Bild: gemeinfrei
Überfallenes türkisches Schiff. Den Insassen drohte Ertrinkungstod oder Elend als Sklave auf einer Galeere. - © Bild: gemeinfrei

Konkret geht es um vier Artikel, die in der erwähnten "Diarium"-Ausgabe für heutige Medienkonsumenten eher zufällig eingestreut wirken. Tatsächlich war jedoch eine kluge Redaktion mit dem Journalisten Hieronymus Gmainer (ca. 1663-1729) an der Spitze am Werk. Denn das Meldungs-Quartett macht nachdenklich und sorgt für ein Gesamtbild in puncto Seeräuberei bzw. Freibeuterei.

Nachricht Nro. 1 findet sich an erster Stelle auf der Titelseite. Unter Algier 2. November (= 1724) wird im alten Korrespondenten-Stil berichtet, dass eines von unsern Raub-Schiffen ("unser" steht für die Betrachtungsweise im Land, aus dem die Neuigkeit kommt) großen Erfolg hatte. Die algerischen Korsaren erreichten nämlich mit zwei holländischen Schiffen, die sie im Canal (also im Ärmelkanal!) gekapert hatten, wohlbehalten ihren Heimathafen. Welches Elend das für die Überlebenden auf den geenterten Wasserfahrzeugen bedeutete, kann man sich leicht ausmalen.

Im Blattinneren erfahren wir unter Datumszeile Madrid 5. December zu dem Thema immerhin Hoffnungsvolles. Laut Nachricht Nro. 2 war es Brüdern des Trinitarierordens gelungen, mit Spendengeldern 265. (Punkt ist Stil der Zeit und bedeutungslos) loßgekauften Sclaven von Algier die Heimkehr zu ermöglichen. Etliche Befreite dürften viele Jahre in harter Gefangenschaft verbracht haben. Die Brutalität der in Nordafrika ansässigen Seeräuber, die uns jetzigen Leserinnen und Lesern bei diesen Zeilen durch den Kopf gehen mag, dürfte auch einstige Abonnenten erschaudern haben lassen.

Doch Nachricht Nro. 3 belehrte anno 1725 die im "Diarium" blätternden Menschen und belehrt anno 2020 uns Neugierige, dass Grausamkeit in Zusammenhang mit Piraterie auch in der Christenwelt gang und gäbe war. Unter Genua 16. December heißt es zur Lage des Malta besitzenden Johanniterordens: Laut Information von der Insel habe ein auf Beut ausgeschicktes Schif besagten Ordens (...) eine sehr reiche Türckische Saicke (= Segelschiff) / auf welcher sich viele reisende Leute / mit ihren Familien befunden / dahin gebrachtAuch diese Opfer wurden Sklaven, u.a. auf Galeeren.

Versklavte Europäer in Algier. - Rechts: Der Piratenstützpunkt Tripoli(s) in der Frühneuzeit. - © Bilder: gemeinfrei
Versklavte Europäer in Algier. - Rechts: Der Piratenstützpunkt Tripoli(s) in der Frühneuzeit. - © Bilder: gemeinfrei

Damit zu Nachricht Nro. 4, die vordergründig nicht Seeräubern, sondern dem Maria-Hilfer-Grund gilt. In dem Bericht vom 31. Dezember 1724 lesen wir: Eben heute hatte der (...) Tripolitanischer (sic!) Gesandte / welcher nebst seinen Geschäften alles merck- und sehenswürdige alhier zu besichtigen sich verfüget / sich auch auf den Maria-Hilfer-Grund begeben / alwo er in des Hrn. Stephans Haiders / Burgerlichen Handels-Mann / und des Handels-Stands deren Tuch-Händlern Vorstehern Behausung / zum Reichs-Apfel genannt / aus seiner Kutschen abgestigen / und aldorten mit allen Ehren-Bezeigungen (...) divertiret (= belustigt) worden / sodan (...) mit allem Vergnügen in sein Logement (= Quartier) zuruck gekehret.

Gewiss ließ dieser Text Liebhaber des Diarii (so hießen die "Diarium"-Abonnenten) im "Hübner", einem ab 1704 in Leipzig aufgelegten Lexikon für Zeitungsleser, zu Tripoli (heute Tripolis in Libyen) nachschlagen. Was findet sich da? Der Hinweis, dass von dieser Republic (...) starcke Seeräuberey betrieben wird! Im Habsburgerreich aber hofierte man deren Gesandten und sicher auch seine Begleiter. Triest war seit 1719 Freihafen, Wien wollte offensichtlich Schutzbriefe für k.k. Schiffe. Piraten? Wir wern kan Richter brauchen, heißt es so schön. Und einst dachte man wohl auch: Wir wern schon an Weg finden...

Kopfnuss: Heißt das Lexikon "Hübner" zu Recht so? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)