Sitzen Sie bequem, liebe Leserinnen und Leser? Dann können wir in Nr. 28 der Wiener Zeitung vom Donnerstag, den 5. Februar 1920, schmökern.

Die dreispaltig bedruckten Seiten gewähren uns Einblicke in die Welt vor 100 Jahren. In dem Großformat (nicht ganz Papiernorm A3) findet sich zunächst die Rubrik Amtlicher Teil mit offiziellen Verlautbarungen, u.a. zur Verleihung des Titels eines Maschinenoberkommissärs, zum neuen Gehaltsschema für Gendarmen und zu Eisenbahnverkehrssteuern.

Die Kleine Chronik berichtet über Mißstände im Telephonwesen, ausgelöst durch Materialmangel in Wien. Gefordert wird eine Behebung des Telephonelends. Wir lesen weiters zu Fleischrationierung und Kinderlandverschickung. Über vier Spalten des 18 Seiten starken Hauptblattes erstreckt sich eine Liste der Epizootien, also Tierepidemien in Österreich. Alle Orte werden aufgeführt, in denen etwa Maul- und Klauenseuche oder Schweinepest ausgebrochen sind.

International wird Anfang 1920 von Deutschland die Auslieferung der am Kriege Schuldigen verlangt. Gleichzeitig werden neue Bündnisse geschmiedet. Nach Durchsicht der bezahlten Anzeigen inklusive Lotterieinserat und Theaterbeginnzeiten fällt uns eine vierseitige Beilage in den Schoß. Das vierspaltig eng bedruckte Papier ist das Amtsblatt zur Wiener Zeitung und Zentralanzeiger für Handel und Gewerbe.

Die Rolle als Verlautbarungsorgan prägt unser Blatt seit 1703. Nicht zuletzt diese Funktion macht es zur einzigartigen historischen Quelle. Zunächst fand Amtliches im Hauptteil Platz. Über die Jahre erhielt das "Amtsblatt" separate Seiten.

1920 fanden sich hier Kundmachungen, etwa eine Entmündigung, sowie Erledigungen, z.B. Ausschreibungen von Lehrerstellen, und Konkurse. Wer hoffte, nach Todesfällen Rechtsansprüche geltend zu machen, las die Aufgebote genau. Die Firmenprotokollierungen lassen die wirtschaftliche Struktur Wiens erahnen. Häufige Erwähnung finden die Textil- und die Metallbranche sowie der Gemischtwarenhandel und Banken.

Getreideausgabe in frühem Konsumverein. Bild: Archiv des FGK
Getreideausgabe in frühem Konsumverein. Bild: Archiv des FGK

Teil dieses Abschnitts des Amtsblatts sind auf der letzten Seite Eintragungen in das Register für Genossenschaftsfirmen. Diese Form des gemeinschaftlichen Wirtschaftens bildete sich hierzulande ab 1850, mit zunehmender Industrialisierung, verstärkt aus. Sie galt später vielen als "dritter Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

Grundidee der Genossenschaft ist die Stärke größerer Einheiten: Sei es die gemeinsame Nutzung von Werkzeugen, die Bündelung von Spareinlagen oder das Erzielen von Mengenrabatten. In der Gruppe können etwa auch Geldtöpfe geschaffen werden, um in Härtefällen zu helfen.

Unter Handwerkern bestanden solche Netzwerke zuvor in den Zünften, deren Privilegien jedoch mit der Gewerbeordnung 1859 endgültig aufgehoben wurden. Auf sie folgten gewerbliche Genossenschaften. Anno 1920 gab es davon österreichweit rund 650.

Ein heute für Wien etwas fremd wirkendes Beispiel mag der Verband der "österreichischen Baumwollspinner" sein oder auch der Konsumverein der Mitglieder der Meistervereinigung der Zimmerputzer und Reinigungsanstalten und deren Angestellten, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung.

Wappen der Genossenschaft der Zimmerputzer. Bild: Archiv
Wappen der Genossenschaft der Zimmerputzer. Bild: Archiv

Auf meterhohen Leitern (siehe Wappen) putzten die Fachkräfte z.B. riesige Fenster. Der Meisterberuf "Zimmerputzer" umfasste aber auch die Reinigung und das Einlassen von Holzböden - oft mit an die Schuhe gebundenen Bürsten. Ab den 1920ern häufen sich Zeitungsanzeigen für Bodenpolituren, die die mühsame Arbeit erleichtern bzw. weniger betuchten Haushalten Personal ersparen sollen.

Einst waren Parkettpfleger auch bei Hofe wichtig. Als eine Erzherzogin 1914 starb, verlieh der Kaiser ihrem Zimmerputzer Franz Berger das "Silberne Verdienstkreuz", so die "WZ".

Zunehmende Industrialisierung brachte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelknappheit. Kriege verschlimmerten die Lage. Laut dem Forschungsverein Entwicklung und Geschichte der Konsumgenossenschaften (FGK; danke für Recherchehilfen!) kam es in Industriegebieten durch fehlenden Wettbewerb oft zu Lebensmittelfälschungen.

Um Preis und Qualität zu sichern, gründeten viele Genossenschaften von Anfang an "Konsumvereine", die für ihre Mitglieder Einkäufe tätigten. Rund 340 solcher Vereine bestanden 1920 noch in Österreich. Zunehmend schlossen sie sich Dachverbänden an, um zu überleben.

Der 1919 geschaffene Konsumverein der Zimmerputzer mit Sitz im 16. Bezirk in Wien war besonders kurzlebig: das Amtsblatt zur "Wiener Zeitung" berichtete 1922 von seiner Auflösung.

Jahrzehntelang prägte der ursprüngliche Genossenschaftsgedanke auch die Landwirtschaft und das Kreditwesen. Kleinere Initiativen nutzen nach wie vor die Idee des gemeinsamen Wirtschaftens.

P.S. Die "Wiener Zeitung"-Notiz zur Genossenschaft der Zimmerputzer aus 1920 betraf übrigens Neubestellungen. Dabei ist man fast geneigt, an ein Nestroy-Stück zu denken, in dem Figuren nach ihrem Beruf benannt sind: Karl Glaser und Hermann Feucht hießen zwei der Vorstandsmitglieder.

KopfnussWieso wurden die Zimmerputzer auch Frotteure genannt?(Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)