Lektüre für Wiener Buben und Mädchen (1912). - © Bild: Elisabeth Somogyi (danke!)
Lektüre für Wiener Buben und Mädchen (1912). - © Bild: Elisabeth Somogyi (danke!)

Mit Altösterreichs Bildungspolitik befasste sich die Gemeine in den vergangenen Monaten und Jahren intensiv. So erschienen im August 2017 Recherchen zur großen Schulnovelle des 19. Jahrhunderts. Daran knüpfen die folgenden Ausführungen zu Frage 1 der Nro. 402 rund um die Bürgerschule an. Diese, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March, "war eine Pflichtschulvariante mit höherem Bildungsangebot", anschließend an die Volksschule.

Davon "zu unterscheiden ist die Bürgerschule zu Sankt Stephan", notiert Dr. Harald Jilke, Wien 2; diese war "eine der wichtigsten" Bildungsstätten des Landes im Mittelalter.

Die Grundlage der Bürgerschule der Ära Franz Josephs nennt Harry Lang, Wien 12: das sog. Reichsvolksschulgesetz 1869. Dr. Peter Schilling, Wien 18, dazu: Unter anderem brachte es "die Einführung der achtjährigen Schulpflicht".

"Der Begriff "Reichs-" bezog sich auf Cisleithanien", führt Volkmar Mitterhuber, Baden, aus.

Die Reform, so Maria Thiel, Breitenfurt, entstand unter "Einfluss von Unterrichtsminister Leopold Hasner von Artha".

Aus "Erzählungen meines Vaters (Jg. 1906) über seinen schulischen Werdegang" weiß Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: "Fünf Jahre Volksschule und dann drei Jahre Bürgerschule." Es folgten "vier Jahre Handelsakademie (HAK) mit Matura . . . Dies war auch die Vorgabe für mein Schulleben, nur . . . mit je vier Jahren Volks- und Hauptschule". Danach besuchte das Gemeine-Mitglied "die letzte vierjährige HAK" (vor der Schulreform 1963).

Stricken für die Front

"Im Ersten Weltkrieg verschlechterte sich der Schulbetrieb", merkt Elisabeth Somogyi, Wien 11, an; etliche "männliche Lehrer fehlten." Es wurde "viel Zeit für schulfremde Tätigkeiten aufgewendet. So erzählte meine Mutter (besuchte 1915-18 die Bürgerschule) vom Sammeln von Metall, Leinen, Brennnesseln (zur Stoffgewinnung), Socken- und Pulswärmerstricken für die Soldaten, Scharpie-Zupfen" (Zerreißen von Textilien für Verbandsmaterial) usw.

"Mein Vater, Jg. 1915, besuchte die Bürgerschule in Waidhofen/Thaya", berichtet Dr. Karl Beck, Purkersdorf. Fremdsprachen standen dort nicht auf dem Lehrplan. Prinzipiell war das Ziel die Vermittlung "über die allgemeine Volksschule hinausreichender Bildung", wobei man u.a. "auf die Bedürfnisse der Gewerbetreibenden" achtete.Manfred Bermann, Wien 13, wirft ein, dass "Bürgerschulen . . . nur in größeren Orten und Städten vorhanden" waren.

"Im Prinzip" gab es den Schultyp für "alle Kinder", stellt Mag. Robert Lamberger, Wien 4, fest. In ländlichen Gebieten, wo weiterhin die achtjährige Volksschule dominierte, war ein Besuch der Bürgerschule aber so gut wie unmöglich. Zur Situation am Land führt der Zeitreisende aus: "1883 wurde . . . beschlossen, dass an den allgemeinen Volksschulen" den Kindern nach sechs Schuljahren ""Erleichterungen in Bezug auf das Maß des regelmäßigen Schulbesuches" zugestanden werden konnte" - de facto eine Einschränkung der Schulpflicht.

"Die Bedeutung der Bürgerschule für die Mädchenbildung ist . . . nicht zu unterschätzen", so Brigitte Schlesinger, Wien 12, bot sie doch "den höchsten allgemeinbildenden Schulabschluss . . ., den ein Mädchen erlangen konnte."