"Einem Mutigen bangt selten, warum Rilke in St. Pölten?" Zum Thema der Orchidee der Nro. 402 wandelte Dr. Manfred Kremser, Wien 18, einen Schüttelreim ab, der "in den 1970er-Jahren . . . Fernsehsprecherin Hanne Rohrer" die Stelle kostete.

Wovor also bangte Rilke einst in der späteren Hauptstadt Niederösterreichs? Dr. Kremser dazu: "1886 bis 1890 war René Karl Wilhelm Johann Joseph Maria Rilke - so hieß er . . . nach seinem Taufschein - als Zögling der k.k. Militär-Unterrealschule . . . in St. Pölten. In seiner 1899 verfassten Novelle "Die Turnstunde" hat er das Grauen und Unbehagen gegen den militärischen . . . Drill literarisch verarbeitet."

Ob sich der 1875 in Prag geborene Knabe wohl hätte träumen lassen, dass er einmal eines der meistgelesenen (Kriegs-)Bücher seiner Generation schreiben würde? Damit springt die Gemeine zu jenem Punkt in Rilkes Vita, um den sich die Nuss drehte, nämlich das Jahr 1906. Damals lebte der Schriftsteller, so Harry Lang, Wien 12, "in Paris."

Angeblich trugen viele Soldaten , die 1914ff einrückten, Rilkes "Cornet" im Tornister. Der Literat wurde im Kriegsarchiv in Wien eingesetzt. Bilder: Zeitungsillustration Sept. 1914/Archiv
Angeblich trugen viele Soldaten , die 1914ff einrückten, Rilkes "Cornet" im Tornister. Der Literat wurde im Kriegsarchiv in Wien eingesetzt. Bilder: Zeitungsillustration Sept. 1914/Archiv

In dieser Zeit, so Wolfgang Woelk, Gotha/D, kam "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" in Buchform beim Berliner Verlag Axel Juncker heraus. Dieser brachte 1906 übrigens ein weiteres Rilke-Werk auf den Markt, so Mag. Robert Lamberger, Wien 4: "Das Buch der Bilder", ein Lyrikband, der zuerst 1902 und vier Jahre später als "Zweite sehr vermehrte Ausgabe" erschien.

Entstanden ist der nur 27 Absätze umfassende "Cornet" (= Fahnenträger), wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, informiert, "nach Angaben des Autors innerhalb einer Nacht . . . 1899".

"Inspiration für das Werk war eine Recherche Rilkes über seine Vorfahren", notieren Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.- Wagram. Der im Titel genannte "Christoph Rilke (auch Rülcke, Anm.) lebte tatsächlich", dass er jedoch verwandt war, gilt mittlerweile als unwahrscheinlich. Jedenfalls, setzt Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, fort, hatte der Literat "entdeckt, dass im Verlauf eines Feldzugs gegen die Türken . . . ein Mann namens Rilke mit 18 Jahren in Ungarn gefallen war."

Das Vorwort soll auf einem historischen Dokument basieren. Volkmar Mitterhuber, Bade, zitiert: ".. . 1663 wurde Otto von Rilke / . . . mit seines in Ungarn gefallenen Bruders Christoph hinterlassenem Antheile am Gute Linda beliehen". Dieser war "Cornet in der Compagnie des Freiherrn von Pirovano des kaiserl. oesterr. Heysterschen Regiments".

Todeserotik

Den weiteren Inhalt fasst Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, zusammen: Eine kaiserliche Truppe reitet Richtung Ungarn, um gegen die Türken zu kämpfen. "Der 18-jährige Cornet Christoph Rilke rastet mit seiner Schwadron auf einem gräflichen Schloss. Nach einem ausgelassenen Fest erlebt er mit der Schlossherrin seine erste Liebesnacht. Gegen Morgen geht das Schloss in Flammen auf. Der Cornet kann sich mit brennender Fahne retten. Er verfehlt seine Einheit und stürzt sich in das türkische Heer. "Die sechzehn runden Säbel, die auf ihn zuspringen, Strahl um Strahl, sind ein Fest. / Eine lachende Wasserkunst.""

Das Thema sei "adeliges Soldatentum in der österreichischen Reichstradition", gibt Dr. Alfred Komaz, Wien 19, eine "alte Literaturgeschichte" wieder. Dabei kommt es, wie der Tüftler ergänzt, zu einer "Glorifizierung des Heldentodes". Apropos: Auch Rilke konnte sich "der Begeisterung vor dem Ersten Weltkrieg nicht entziehen, den er durch Vermittlung von Freunden im wesentlichen im Kriegsarchiv in Wien verbrachte."

Im "Cornet" dominierend "ist der Tod, verbunden mit erotischen Motiven", ergänzt Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, zur Grundstimmung und gibt zu bedenken, dass Rilke dieses Werk "später verworfen" und als "versinfizierte Prosa" abgetan hat.

Zunächst war der Erfolg der Publikation bescheiden. Die Auflage von 1906 beziffert Dr. Karl Beck, Purkersdorf, mit lediglich "300 Exemplaren".