1912 sicherte sich der Leipziger Insel-Verlag die Rechte und gab als Nr. 1 seiner bald berühmten "Insel-Bücherei" eine preisgünstige Ausgabe heraus. Neozeitreisende Mag. Karin Frühwirt: Sie "war rasch vergriffen, in schnellem Rhythmus folgten immer neue, der "Cornet" avancierte zum Kultbuch . . . und legte den Grundstein für den Erfolg des Autors und der unverwechselbaren Buchreihe."

Langemarck-Mythos

"Besonderer Popularität", so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, "erfreute sich die Soldatenballade . . . in der Zeit der beiden Weltkriege." Angeblich, führt Dr. Harald Jilke, Wien 2, aus, zogen die Regimenter mit "dem Deutschlandlied auf den Lippen" und "Rilkes "Cornet" im Tornister" ins Gefecht. So lautete zumindest die nachträgliche Erzählung, die man als Teil des Langemarck-Mythos propagierte. Benannt ist dieser nach verlustreichen Gefechten in der Nähe des belgischen Ortes Langemarck im Herbst 1914, bei denen v.a. Schüler und Studenten kämpften. Im Nachhinein glorifizierte man damit die unreflektierte Opferbereitschaft junger Soldaten.

Brigitte Schlesinger, Wien 12, zitiert den Autor Wolfgang Paul, der sich auf den Zweiten Weltkrieg bezog: " . . . viele dünne Bände der Insel-Ausgabe verwesen auf den Schlachtfeldern mit den Gebeinen jener, die dem dunklen Rufe folgen mussten".

Das "Ausbeuten des Werkes für den Kriegsmythos der Jugend", betont Dr. Peter Schilling, Wien 18, entsprach keineswegs "den Intentionen des Dichters". Das zeigt Rilkes "Versuch, gegen den "gegenständlichen Missbrauch" und die "widerwärtige Unternehmung" bereits 1919 in Briefen anzukämpfen: "Da war nicht der Krieg gemeint . . . Kaum Schicksal war gemeint, / nur Jugend, Andrang, Ansturm, reiner Trieb / und Untergang, der glüht und sich verneint"." Der von Dr. Schilling zitierte Literaturhistoriker Ernst Alker erwähnt, dass das Buch von Kritikern als "Edelkitsch in höchster Potenz" gesehen wurde.

Noch "zu Lebzeiten Rilkes wurden 200.000 Exemplare gedruckt", so Maria Thiel, Breitenfurt, die ergänzt, dass das Werk über 50 Auflagen erlebte.

"Auf einem Flohmarkt" fand Dr. Gerhard Jungmayer, Wien 22, eine Ausgabe "aus dem Jahr 1940 mit der Angabe "601. bis 650. Tausend - Gedruckt von Spamer in Leipzig". Bis heute hat es der Text auf weit über eine Million Exemplare gebracht."

Zahlreiche Künstler ließen sich vom "Cornet" inspirieren. Aus einer Reihe von Vertonungen erwähnt Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, eine Kantate des Dänen Paul von Klenau (ca. 1919), Kurt Weills "symphonische Dichtung" (1919) und eine 1985 uraufgeführte Oper des deutschen Komponisten Siegfried Matthus. Christine Sigmund, Wien 23, ergänzt u.a. jene des 1898 in Altösterreich geborenen Viktor Ullmann. Brigitta Born, Bernhardsthal, weiter: Ullmann schrieb das Stück "im KZ Theresienstadt", kurz "vor seiner Deportation" nach Auschwitz, wo er 1944 ermordet wurde.

Großstadtluft

Stationen eines unsteten Lebens (v. l.): In St. Pölten schmiss Rilke die Militärschule; Linz und die dortige HAK musste er wegen einer Liebesaffäre verlassen; Paris wühlte ihn auf.
Stationen eines unsteten Lebens (v. l.): In St. Pölten schmiss Rilke die Militärschule; Linz und die dortige HAK musste er wegen einer Liebesaffäre verlassen; Paris wühlte ihn auf.

Damit zu einigen Stationen in Rilkes Leben: Herbert Beer, Wolfpassing, berichtet, dass der angehende Poet, nachdem er die Militärschule geschmissen hatte, auf die "Handelsakademie Linz" wechselte. Auch diese brach er ab, wegen einer "nicht geduldeten Liebesaffäre mit einem . . . Kindermädchen". Er kehrte nach Prag zurück und bereitete sich privat auf die Matura vor, die er 1895 ablegte.

Wenige Jahre danach, so bereits genannter Zeitreisender Dr. Kremser, finden wir Rilke in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen wieder, wo er neben der Malerin Paula Becker, spätere Gattin des Künstlers Otto Modersohn, auch Bildhauerin Clara Westhoff kennenlernt. Er heiratet sie, "1901 wird Tochter Ruth geboren". Rilke verlässt die beiden und "geht . . . nach Paris", wo die erste Zeit für ihn schwierig ist. Den mehrjährigen Aufenthalt verarbeitete "er später im Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"" (1910). Über urbane Eindrücke heißt es u.a. darin: "Es roch (in Paris, Anm.) . . . nach Jodoform, nach Fett von pommes frittes, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer."

Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff (1878-1954) mit ihrem Ehemann.
Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff (1878-1954) mit ihrem Ehemann.

Wie Gerhard Toifl, Wien 17, anmerkt, barg die "fremde Großstadt" nicht nur "viele Schrecken", sondern auch "zahlreiche Anregungen", u.a. durch das Werk Paul Cézannes oder Auguste Rodins, für den er arbeitete.

Einem Nebenpfad der Rilke-Vita folgt Manfred Bermann, Wien 13: Der Dichter "war vom Dezember 1912 bis ins Frühjahr 1913 in Ronda" in Südspanien "und wohnte im . . . heute noch existierenden Hotel Reina Victoria." Eine Statue Rilkes, aufgestellt "im kleinen Vorgarten", erinnert daran. Tüftler Bermann hatte ihm im Sommer 2018 bei einer Rundreise "durch Andalusien . . . also quasi die Hand geschüttelt." In der Stadt trägt übrigens nicht nur eine Straße Rilkes Namen (die Avenida Poeta Rilke), sondern auch eine Fahrschule, wie Spurensucher Bermann ergänzt. Einem traditionellen Stierkampf wohnte der Autor in Ronda zwar nicht bei, jedoch verfasste er das Gedicht "Corrida". Darin heißt es, dass der Torero am Ende "seinen Degen beinah sanft versenkt".

Rilkes uvre insgesamt attestiert Prof. Dr. Rath "modernes Endzeitbewusstsein". Für seine "gesamte Generation" sprach er wohl mit den letzten Zeilen seines "Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth" (1908): "Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles."

Nicht unerwähnt lassen möchte Alice Krotky, Wien 20, Schloss Duino bei Triest, wo Rilke 1912 zu den "Duineser Elegien" (1922 abgeschlossen) inspiriert wurde.

P.S. Diese Station spielte auch eine Rolle in der Biographie jenes Physikers, der in der Zusatzorchidee gefragt war. Zu ihm recherchierte u.a. Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf. Details folgen in einem Monat!

Zusammenstellung dieser Seite: Andrea Reisner