Fjodor III. Alexejewitsch, Zar des Russischen Reiches, war tot. Sein vollkommen unerwartetes Ableben 1682 entfachte einen erbitterten Kampf zweier Parteien im Hause Romanow um die Nachfolge. Als Siegerin ging die Schwester des Verstorbenen, Sofia Alexejewna, hervor - zumindest fürs Erste. Die Gemeine stellte sich der Aufgabe, Klarheit in diese komplizierte Familiengeschichte zu bringen, der die Spezialfragen der Rubrik KARTEN GELESEN der Nro. 399 galten.

Der Moskauer Aufstand 1682 im Kreml, der auf der Miniatur aus dem 18. Jahrhundert rechts dargestellt ist, verhalf Sofia Alexejewna (1657-1704, l.) auf den Thron.  - © Bilder: Archiv/gemeinfrei (Schmuckfarbe "WZ")
Der Moskauer Aufstand 1682 im Kreml, der auf der Miniatur aus dem 18. Jahrhundert rechts dargestellt ist, verhalf Sofia Alexejewna (1657-1704, l.) auf den Thron.  - © Bilder: Archiv/gemeinfrei (Schmuckfarbe "WZ")

Den Auftakt gibt Herbert Beer, Wolfpassing: "1647 vermählte sich der 18-jährige Alexei I.", der zwei Jahre zuvor seinem Vater auf den Thron gefolgt war, mit "Marija Miloslawskaja (1625-1669)". (N.B. Im Russischen werden Nachnamen je nach Geschlecht abgewandelt.) Der Ehe entsprangen die Söhne Fjodor (1661) und der kränkliche sowie geistig beeinträchtigte Iwan (1666). Bereits 1657 war Sofia auf die Welt gekommen.

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, fügt an: Gemeinsam mit ihren Brüdern erhielt auch sie von "dem Hofprediger und Gelehrten Simeon Polozki eine strenge, aber ausgezeichnete Bildung". Ein Mädchen, das seine Nase in Bücher stecken durfte, stellte am Hof eine große Ausnahme dar, wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, festhält: Üblicherweise führten Moskauer Zarentöchter ein abgeschiedenes Leben. "Sie waren nur wenig gebildet und zeigten sich nie in der Öffentlichkeit."

Hinter Klostermauern musste Sofia Alexejewna ihre letzten Lebensjahre absitzen, wie auf dem Bildausschnitt links dargestellt. Ihr 18-jähriger Halbbruder Peter der Große (rechts) hatte sie dorthin verbannt.  - © Bilder: Archiv/gemeinfrei (rechts ein Ausschnitt aus einem Porträt von Godfrey Kneller, 1698)
Hinter Klostermauern musste Sofia Alexejewna ihre letzten Lebensjahre absitzen, wie auf dem Bildausschnitt links dargestellt. Ihr 18-jähriger Halbbruder Peter der Große (rechts) hatte sie dorthin verbannt.  - © Bilder: Archiv/gemeinfrei (rechts ein Ausschnitt aus einem Porträt von Godfrey Kneller, 1698)

Zurück zum Vater Alexei I. führt bereits zitierter Nussknacker Beer: Zwei Jahre nach dem Tod seiner Gattin heiratete der Zar 1671 "die gut 22 Jahre jüngere ... Natalja Naryschkina (1651-1694)." 1672 erblickte Sohn Pjotr, später als Peter der Große bekannt, das Licht der Welt.

Als Alexei I. 1676 starb, folgte ihm Fjodor III. auf den Zarenthron. Der junge Herrscher schätzte seine kluge Schwester und bezog sie in seine Entscheidungen mit ein. Das Geschwisterpaar beriet sich über die laufenden Geschäfte und regelmäßig konnte man Sofia bei Sitzungen antreffen.

Nur sechs Jahre später stand der Herrschersessel wieder leer - und diesmal gestaltete sich die Nachfolge schwierig.

Blutiger Familienzwist

Nach dem Tod Fjodors "1682 war offiziell Iwan V. als Zar vorgesehen", notiert Anton Teufl, Pielach.

Dagegen wollte die Familie Natalja Naryschkinas vorgehen, um eigene Machtpositionen zu sichern. Die Angehörigen handelten rasch, wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, ausführt: "Ein improvisierter Zemskij Sobor (= eine Art Reichstag) wählte nach Fjodors ... Begräbnis per Akklamation Peter zum Zaren." Da der Sprössling erst zehn Jahre alt war, wurde "seine Mutter Natalja ... zur Regentin. Dies war zweifellos anfechtbar, da Iwan, damals 15-jährig, der ältere Sohn von Alexei war."

Die Reaktion der Miloslawskis, der Familie der ersten Frau, ließ nicht lange auf sich warten, so Volkmar Mitterhuber, Baden: Sie streuten das Gerücht, Iwan sei tot und "von Mitgliedern der Naryschkin-Familie ermordet worden."

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht über die vermeintliche Bluttat an dem Zarewitsch. Damit schalteten sich die "Angehörigen der einflussreichen Palastgarde, die Strelitzen" ein, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram. Keine zwei Wochen nach dem Ableben Fjodors setzten sie "in einem blutigen Aufstand durch, dass Iwan V. "Erster Zar" und Peter "Zweiter Zar" wurde und beide die Herrscherwürde übertragen" bekamen.

Geschlossen schlugen sich die Strelitzen auf die Seite der Miloslawskis. Dr. Manfred Kremser, Wien 18, zum bitteren Ausgang der Revolte: "Peter musste als 10-Jähriger mit ansehen, wie zwei Brüder seiner Mutter und deren Ziehvater Matwejew ermordet wurden." Bei "dieser blutigen Aktion" kamen "mehr als 46 Menschen ums Leben".

Dr. Karl Beck, Purkersdorf, führt weiter aus: Mit Unterstützung der Strelitzen übernahm Sofia, als "Halbschwester von Peter ... und Schwester von Iwan", noch im Jahr 1682 die Amtsgeschäfte für ihre minderjährigen Brüder.

Sofias Regentschaft

Wenn es um die Stärke Sofias als Herrscherin geht, stößt man auf von einander abweichende Darstellungen. Einmal wird sie als energische Regentin beschrieben, einmal zeichnet man sie als Scheinzarin, die v.a. zeremonielle Ämter ausübte. Sicher setzte man ihr als Frau Grenzen. Sie musste - teils vergebens - um Erwähnungen in offiziellen Aufzeichnungen kämpfen. Selbst in Chroniken wurde sie über die Jahrhunderte mitunter gar nicht erwähnt.

Zu Lebzeiten verwehrte man ihr die symbolträchtige und pompöse Zarenkrone. Sie trug daher andere, wie im Bild oben zu sehen. Trotz der vielen Hürden verzeichnete sie Erfolge. Dazu merkt schon zitiertes Tüftlerpaar Gerstendorfer an: Unter ihrer Herrschaft förderte man die "Eisen- und Textilherstellung und beseitigte die Zollschranken gegenüber der Ukraine". Außerdem öffnete sie "das Land weiter nach Westen", indem sie Handelsabkommen mit "Schweden, England, den Niederlanden, Brandenburg und Sachsen" besiegelte.

Mit Außenpolitik wollte Sofia, so bereits erwähnte Tüftlerin Schlesinger, ihre "Herrschaft im Inneren ... festigen." Sie erneuerte "den Frieden von Kardis, der 1661 formell den Russisch-Schwedischen Krieg beendet hatte und schloss ... 1686 den "Ewigen Frieden"" mit der Personalunion Polen-Litauen. Dadurch konnte Russland der "Heiligen Liga" beitreten. Dies war ein "Bündnis des Heiligen Römischen Reiches mit anderen europäischen Mächten gegen das Osmanische Reich". Mit dem Bau der Moskauer Geistlichen Akademie (1775 in Slawische Griechisch-Latein-Schule umbenannt) führte Sofia den von ihren Vorgängern "Alexei und Fjodor eingeschlagenen Weg in die Frühaufklärung" fort.

Verbannt vom Bruder

"Doch nicht alles gelang ihr", fügt Zeitreisende Schlesinger noch an: "In den Jahren 1687 und 1689" scheiterten unter der Führung Wassili Golizyns, einem engen Vertrauten und Berater der Zarin, die "Feldzüge gegen die Krimtataren."

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, weiter: Das dadurch "stark beeinträchtigte Prestige Sofias nützten die Naryschkin-Anhänger: Co-Zar Peter, seit kurzem großjährig, drängte mit aller Energie auf die Übernahme der ... Macht."

Mit Erfolg: Noch 1689 saß der Jungspund als Peter I. der Große (ab 1721 Kaiser) auf dem Thron. Der kränkliche Iwan blieb, bis er 1696 starb, zweiter Zar ohne Einfluss. Seine Schwester verfrachtete Peter in ein Kloster, in dem sie bis zu ihrem Tod 1704 verweilte.

P.S. Das Buch gewinnt Anton Teufl; Gratulation!

Zusammenstellung der Rubrik: Christina Krakovsky