Was bisher geschah: Die Jänner-Zeitreisen blickten auf einen Empfang mit allen Ehren-Bezeigungen, der anno 1724 laut "Wienerischem Diarium" in der Donaumetropole einem Gesandten bereitet wurde.

Aufmerksame Leserinnen und Leser erinnern sich, welchen Staat der geachtete Gast vertrat: die Korsaren-Republik Tripoli. Ein Umstand, der Fragen aufwarf. Heute kann das Geschichtsfeuilleton in einem Nachtrag zu dem Besuch aus Nordafrika Details liefern, die ein wenig Licht in die dunkle Materie bringen - in den Komplex streng geheimer Verhandlungen der k.k. Diplomatie vor bald drei Jahrhunderten. Denn glücklicherweise hilft uns eine einzigartige Quelle weiter.

Afrika, hier dessen Süden, sah man um 1720 in Mitteleuropa so: Weiße bei Viehzüchtern (l.), gerbende Einheimische. - © 2 Bilder: Peter Kolb, Caput bonae spei ..., Nürnberg 1719 (1 Kolorierung: Neudruck 1926)
Afrika, hier dessen Süden, sah man um 1720 in Mitteleuropa so: Weiße bei Viehzüchtern (l.), gerbende Einheimische. - © 2 Bilder: Peter Kolb, Caput bonae spei ..., Nürnberg 1719 (1 Kolorierung: Neudruck 1926)

Erraten: Diese Schatzkammer des Wissens über die Monarchia Austriaca ist wiederum unser gutes altes Blatt, das später den Namen "Wiener Zeitung" annahm. Als "Diarium" bot (und bietet) die Gazette ab 1703 vielerlei Einblick in die werdende und wachsende Großmacht Österreich.

Im Fall der Beziehungen zur einstigen Republik Tripoli (nun Tripolis in Libyen) geben Zeitungsausgaben von März und April 1725 interessante Aufschlüsse. So druckte das "Wienerische Diarium" in Num. 22., erschienen am 17. Martii (= des März), einen speziellen Anhang  (= eine Beilage) ab.

Wien ab 1382 verbunden, Freihafen ab 18. Jh. (Bild): Triest. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Wien ab 1382 verbunden, Freihafen ab 18. Jh. (Bild): Triest. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Titel: Beschreibung der Abschied-Audientz / welche (...) Ihre Hochfürstl. Durchl. (= Durchlaucht) Printz Eugenius von Savoyen / ec. (= et cetera) dem Tripolitanischen Abgesandten / den 12. Martii 1725. (Punkt ist Stil der Zeit und ohne Bedeutung) offentlich ertheilet.

Nur nebenbei: Den Wienerinnen und Wienern war die Fahrt des Gesandten zum Savoyer ein Spektakel. Neugierige bewunderten die 6-spännige Fürstl. Kutsche, die den Fremden vom Quartier im Leopoldstädter Gasthof zum schwartzen Adler (jetzt neubebautes Areal Taborstraße 11/Gredlerstraße) via Schlagbrücke (nun Schwedenbrücke) und Rotenturmtor zu Eugens Palais brachte. Wohl nicht sattsehen konnten sich Gaffende an exotischen Dienern sowie an gold- und silbergeschmückten Reitpferden im Begleitzug. Gebildete Leute aber betrachteten das Schaugepränge vielleicht als Stück Afrika, denn sie wussten einiges über den Kontinent - sogar über den Süden, den ein 1719 publiziertes illustriertes Werk (vgl. Bildleiste) bekannt gemacht hatte.

In der Himmel-Port-Gassen präsentierten vorm Winterpalais 100. Mann von der Stadt-Guardi zu Ehren des Tripolitaniers. Drinnen im Prachtbau (nun Finanzministerium) erwartete Eugen seinen Gast Muhamed Efendi. Bei der Begrüßung hielt der Prinz jede Förmlichkeit peinlich genau ein. Im Gespräch danach trat der Kenner fremder Welten für die Großmacht Österreich fest als Herr der Lage auf, der gleichzeitig entgegenkommende Gesten zeigte - hier ging es wohl um diskrete Kooperation mit der Seeräuber-Republik.

Der Savoyer agierte also meisterhaft. Der oft nur als Militär gesehene Mann bewies häufig, welch Geistesmensch sowie Diplomat mit Fingerspitzengefühl er war. Auch bei der Abschied-Audientz. (NB. Zudem hatte Eugen ein As im Ärmel, das kaum bekannt ist: 1717 hatte vor Belgrad u.a. der osmanische Korpsführer Cherkes Meh[e]met Bey gegen den Stunden später siegreichen Wahlösterreicher gekämpft. Der orientalische Haudegen war dann in Tripoli, wo er wahrscheinlich viel über die Größe seines Feindes verbreitete...)

Die ausgesuchte Höflichkeit, die strenge Achtung des Zeremoniells sowie die wohlabgewogenen Worte im Palais zeugen somit für erfolgversprechende Unterhandlungen. Übrigens überreichte Prinz Eugen zuletzt dem Abgesandten das an den Senat von Tripoli gerichtete Recreditiv (= offizielles "Abrufschreiben" mit Hinweis auf das Wirken des Vertreters) recht feierlich. Fazit: Wien peilte offensichtlich Schutzbriefe an, die k.k. Schiffe vor den Korsaren von Tripoli bewahren sollten - Prämisse für Aufschwung des jungen österreichischen Freihafens Triest. Freilich sagt der geheimniskrämerische Bericht aus Eugens Domizil kaum aus, wie weit das gediehen war.

Hier springt jedoch das "Wienerische Diarium" vom 18. April 1725 mit einer unter Venedig 7. April abgedruckten Depesche ein. Darin erfahren wir, dass der in seine nordafrikanische Heimat abgereiste Gesandte Zwischenaufenthalt in der Lagunenstadt genommen hat: Muhamed Effendi (nun "ff", sic!) langete (...) alhier an. Umgehend besuchte er den Herrn Grafen Colloredo, den Botschafter Habsburgs in Venedig; und gleich tags darauf hat der Graf den Tripolitanier in dessen Quartier heimgesuchet.

Heimsuchung war das in einstigem Sprachgebrauch natürlich keine. Vielmehr das Gegenteil; der enge Kontakt der Diplomaten zeigte beste Beziehungen auf. Triest und die k.k. Schifffahrt durften hoffen!

Kopfnuss: War Tripoli 1725 völlig unabhängig? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)