Drei Frauen in seinem Leben kannten Universitätshörsäle von innen - was um 1900 hierzulande noch eine Seltenheit war. Details zum gesuchten Physiker, der in der Zusatzorchidee der Nro. 402 gefragt war, liefert Mag. Robert Lamberger, Wien 4: "Ludwig Eduard Boltzmann", geboren am "20. Februar 1844 . . . Er starb am 5. September 1906 in Duino." Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, ergänzen, dass der Wissenschafter "bei Triest in seinem Feriendomizil seinem Leben ein Ende bereitete".

Dr. Manfred Kremser, Wien 18: Boltzmann war in "der Wiener Vorstadt Landstraße . . . zur Welt gekommen" und zwar in der Nacht von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch. Dies nannte er später im Scherz "als Ursache seiner Stimmungsschwankungen". Er hatte darüber hinaus viele physische Leiden, u.a. zunehmende Sehschwäche.

Für Tüftler Dr. Kremser ist Duino "ein sehr vertrauter Ort", den er durch seinen Freund Mag. Franz Gammer kennenlernte. Die beiden tauschen sich "jeden Monat . . . sehr ausführlich" über die neueste Nummer des Geschichtsfeuilletons aus. Gemeine-Mitglied Mag. Gammer war als "Physikprofessor am United World College in Duino." Dort hielt er u.a. einen Vortrag zu Boltzmann und Beethoven. Neben "genialen Physik-Erkenntnissen" des Wissenschafters war "auch dessen Musikalität" Thema.

Eine der ersten Hörerinnen an der Uni Graz (hier: um 1900) war Henriette v. Aigentler.
Eine der ersten Hörerinnen an der Uni Graz (hier: um 1900) war Henriette v. Aigentler.

Fingerspitzengefühl

Damit springen wir zu den Kindertagen Boltzmanns, über die Herbert Beer, Wolfpassing, berichtet: "Seine Erziehung war vom humanistischen Bildungsideal geprägt". Für die Familie hatte "Musik . . . große Bedeutung" und "der junge Anton Bruckner war sein Klavierlehrer". Manfred Bermann, Wien 13, ergänzt: Bis er zehn Jahre alt war, wurde Boltzmann "privat unterrichtet", ab 1855 besuchte er in Linz das Gymnasium.

"Atomgegner" E. Mach (l.) und W. Ostwald. Bilder: Archiv
"Atomgegner" E. Mach (l.) und W. Ostwald. Bilder: Archiv

Nach der Matura 1863, so Gerhard Toifl, Wien 17, übersiedelte seine verwitwete Mutter mit ihm und seiner Schwester Hedwig "nach Wien, um ihm das Studium zu ermöglichen".

Es folgte eine erfolgreiche Universitätslaufbahn, zu der Prof. Mag. Monika Rath, Wien 7, notiert: "1866 promovierte er . . . in Physik". Josef Stefan (1835-1893), der als "Begründer der österreichischen Physiker-Schule" gilt, holte ihn "als Assistenten an sein Physikalisches Institut". Damals hatte Boltzmann bereits der Akademie der Wissenschaften "physikalische Abhandlungen vorgelegt".

"Mit 25 Jahren", setzt Christine Sigmund, Wien 23, fort, wurde er "ordentlicher Professor der mathematischen Physik an der Uni Graz". Ab 1873 "übernahm er den Lehrstuhl für Mathematik in Wien, doch nach drei Jahren" zog er wieder an die Mur.

Einen der Gründe für diesen Wechsel fand Brigitte Schlesinger, Wien 12: Boltzmann hatte die 18-jährige "Henriette "Jetti" Magdalena Katharina Antonia Edle von Aigentler (1854- 1938) . . . im Mai 1873 kennen" gelernt. Sie besuchte die Lehrerinnenbildungsanstalt in Graz. An dieser Institution wollte sie später "Mathematik und Physik unterrichten". In den genannten Gegenständen wurden zukünftige Lehrerinnen damals meist von Männern instruiert, die diese Fächer studiert hatten.

Um diese Lehrbefugnis selbst zu erreichen, war, so Wolfgang Woelk, Gotha/D, "der Besuch von Vorlesungen an der Universität Graz erforderlich". Also inskribierte sie sich zunächst.

Als kurze Zeit später auch ausländische Studentinnen in Graz anklopften, sah sich der Rektor überfordert. Bereits zitierte Tüftlerin Schlesinger: Er "gab den "Fall" ans Ministerium weiter, das den Akademischen Senat der Uni Wien mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragte." Basierend darauf wurde gegen das Frauenstudium entschieden.

Henriette schrieb, wie Brigitta Born, Bernhards-thal, notiert, "wiederholt . . . an Boltzmann", der ihr riet, beim Ministerium eine Petition einzureichen - mit Erfolg. Sie wurde, so Alice Krotky, Wien 20, "als erste Studentin" der Physik an der Uni Graz zugelassen, "allerdings als außerordentliche Hörerin". Sie absolvierte wie geplant die Lehramtsprüfung. Mit der Hochzeit 1876 beendete sie jedoch ihre Karrierepläne. Henriette "blieb aber ihrem Mann zeitlebens eine aufmerksame Zuhörerin und Beraterin".

Doktorin der Zoologie

Während der Grazer Zeit des Paares brachte Henriette vier Kinder zur Welt, die Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, nennt: Ludwig Hugo, geboren 1878, starb mit 11 Jahren an Blinddarmentzündung, Henriette (1880-1945), Arthur Ludwig (1881-1952) und Ida (1884-1910). Tochter Elsa (1891-1965) wurde in München geboren.

An die dortige Hochschule, so Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, hatte Boltzmann "im August 1890 . . . als Ordinarius der Theoretischen Physik" gewechselt. Wie Harry Lang, Wien 12, recherchierte, dauerte Boltzmanns "Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität" in Bayern bis 1894. Danach ging es zurück nach Wien und 1900-1902 hatte er eine "Professur in Leipzig" inne, bevor er wieder in die Donaumetropole zurückkehrte.

An der dortigen Hochschule studierten auch zwei seiner Töchter. Eine davon, Henriette, promovierte in Zoologie. Ida schrieb ihre Dissertation in Biologie, machte aber keine Abschlussprüfung. Beide unterrichteten in Schulen Mathematik und Physik. Dafür besuchten sie an der Uni Wien u.a. Physik-Vorlesungen, waren aber, im Gegensatz zu ihrem Bruder Arthur, nicht in diesem Fach inskribiert.

Es gibt noch andere Physik-Verbindungen in der Familie, zu denen Dr. Karl Beck, Purkersdorf, Persönliches liefert: "Elsa Boltzmann . . . hat einen Schüler ihres Vaters, den Physiker Ludwig Flamm geheiratet". Dessen Sohn Dieter Flamm (1936-2002) war, wie auch Boltzmann, theoretischer Physiker und darüber hinaus Bergsteiger. Als solcher unternahm er "in den Dolomiten eine Erstbesteigung". Tüftler Dr. Beck lernte "ihn bei einer Skitour kennen" und ist "viel mit ihm gewandert."

Für Gesandten i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, steht fest, dass Boltzmann "ein faszinierender Mensch gewesen sein" muss, der "vielfältig forschend tätig" war. "Er verfocht unbeirrt die Lehre von der Existenz der Atome und musste sie gegen die sogenannten Energetiker um Wilhelm Ostwald (1853-1932) verteidigen." Ein anderer "prominenter Gegner in der Wissenschaft (nicht aber im persönlichen Umgang)" war Ernst Mach (1838-1916).

Der "Chemiker und Philosoph . . . Ostwald" entwickelte, so Volkmar Mitterhuber, Baden, die Lehre vom "energetischen Monismus". Sie führt "alles Wirkliche . .. auf Energie zurück." Die Existenz von Atomen wird geleugnet.

Einen Nebenpfad nach Brioni schlägt Prof. Brigitte Sokop, Wien 17, ein: Nobelpreisträger Ostwald malte bei einem Urlaub auf der heute zu Kroatien gehörenden Insel "1912 täglich zwei Aquarelle". Die Zeitreisende durfte später seine Tochter kennen lernen.

Irreversibilität

Der "gelernte Physiker" Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, würdigt "die revolutionären Leistungen Ludwig Boltzmanns für die klassische Physik" und erwähnt u.a. dessen Forschungen zu Strahlungskonstanten und Berechnungen zu thermodynamischen Wahrscheinlichkeiten. "Man muss es nicht verstehen, man braucht sich aber auch nicht wundern, dass viele seiner Zeitgenossen . . . sich nicht mit der Irreversibilität physikalischer Vorgänge anfreunden konnten." Boltzmann vertrat die Ansicht, dass einige Prozesse (z.B. nach Zufuhr von Wärme) unumkehrbar sind. Damals wurde das von Wissenschaftern ausgeblendet.

Mag. Karin Frühwirt notiert zur "Boltzmann-Konstante", die vom Physiker Max Planck in eine Formel gegossen wurde: Sie ist "der Umrechnungsfaktor bzw. Proportionalitätsfaktor zwischen mechanischer (kinetischer) Energie und thermischer Energie."

Maria Thiel, Breitenfurt: Boltzmann stieß "an die Grenzen des damals Erforschbaren." Was "heute durch . . . Atomforschung selbstverständlich ist, war . . . kühne Spekulation."

Bereits erwähnter Spezialtüftler Dr. Zemann hatte selbst "in den frühen 1960ern im 1. Physikalischen Institut der Uni Wien das Vergnügen, einen großen, schweren Elektromagneten als Bauteil zum "Auseinanderklauben von Atomen", also für ein magnetisches Spektrometer, zu verwenden . . . Es war angeblich "sein" Elektromagnet", also jener, mit dem Boltzmann selbst gearbeitet hatte.

Vom Wickelkind

Studentinnen und Studenten waren von Boltzmann als Professor begeistert. So auch Karl Przibram (1878- 1973), später selbst Physiker. Er lobte wiederholt die "Vorlesungen von wunderbarer Klarheit". Er schuf die auf dieser Seite ins Familienfoto eingeschnittene Karikatur, die folgendes Boltzmann-Zitat illustriert: "Das muss doch jetzt jedes elektromechanische Wickelkind verstehen!"

Nicht unerwähnt lassen möchte Dr. Peter Schilling, Wien 18, dass Boltzmann auch kurzzeitig "den Lehrstuhl für Naturphilosophie" an der Uni Wien innehatte und dass seine Vorlesungen teils "von sechshundert Hörern besucht wurden".

International genoss Boltzmann hohes Ansehen. Viele seiner Theorien wurden jedoch erst posthum bewiesen oder allgemein anerkannt. Dr. Alfred Komaz, Wien 19, hält fest: "Seine Vortrags- und Reisetätigkeit führte ihn u.a. nach Deutschland, Irland, England und nicht weniger als drei Mal in die USA. Er war Ehrendoktor mehrerer ausländischer Universitäten und wurde fünf Mal für den Nobelpreis vorgeschlagen." Die für Physik erst 1901 geschaffene Auszeichnung erhielt er jedoch nie.

Nach seinem Tod wurde er, wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, betont, "auf dem Friedhof Döbling bestattet." Erst "im Dezember 1929" beschloss der Wiener Gemeinderat "die Widmung eines Ehrengrabes am . . . Zentralfriedhof".

Einen orthographischen Nebenpfad fand Dr. Harald Jilke, Wien 2: Boltzmann verfasste ein eigentümliches "forwort" zu einer seiner Schriften, um gegen die Rechtschreibreform von 1901 zu protestieren, die u.a. das "h" nach einem "t", wie etwa in "Theil" oder "Thür", verbot. Der Physiker schreibt: "durch schiller bin ich geworden, one in könnte es einen mann mit gleicher bart- und nasenform wi ich, aber nimals mich geben."

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa