In der Wiedner Preßgasse 24, wo heute ein Wohnhaus steht, gingen bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts Generationen von Schülerinnen und Schülern ein und aus. Das durch einen Neubau ersetzte Haus beherbergte eine Volks- sowie Bürgerschule. Nachdem sich die Gemeine im Vormonat mit diesem 1869 geschaffenen Schultyp befasst hat, folgen nun Details zu der ehemaligen Bildungsstätte in Wien 4.

Den Anfang macht Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, der die Schule aus eigener Anschauung kennt, besuchte er doch in der Nachkriegszeit dort selbst den Volksschulunterricht. "Unsere Klasse war formal der Evangelischen Schule am Karlsplatz zugeordnet. Das wunderschöne Gebäude von Theophil Hansen war . . . weitgehend zerstört worden . . . Wir Kinder wurden auf noch intakte (umliegende, Anm.) Schulgebäude aufgeteilt und entsprechend eng waren die Raumverhältnisse. Wir waren eine Wanderklasse und wechselten von Schule zu Schule: Waltergasse 16, Graf-Starhemberg-Gasse 8, Schaumburggasse 7, Phorusgasse 4 und . . . Preßgasse 24." Aus letzterer sind dem Zeitreisenden "Lesestunden in der Winterdämmerung" in Erinnerung, "denn am Vormittag war Kundenverkehr . . . und am Nachmittag Schulbetrieb."

Dazu erklärt Dr. Zemann: "Das Amtshaus in der Kleinschmiedgasse war im Krieg zerstört worden, die Amtsgeschäfte wurden vorübergehend in die Preßgasse verlagert." Teile des Magistrats hatten schon ab Ende der 1920er dort ihren Sitz. Von Anfang an wurden Schulräume diversen Gruppen zur Verfügung gestellt, vom Gesangsverein im Turnsaal bis zu Klavierbauern im Klassenzimmer.

Vollgestopfte Räume

Damit zu den Anfängen der Schule in der Gründerzeit. Dr. Zemann fand ein 1865 veröffentlichtes Zeitungsinserat, in dem von "der neuen Knaben- und Mädchenschule" die Rede war.

Direktor Franz Bobies hielt nicht viel von Zwangsbeichten. - © Bild: Archiv. Schmuckfarbe: "WZ"
Direktor Franz Bobies hielt nicht viel von Zwangsbeichten. - © Bild: Archiv. Schmuckfarbe: "WZ"

Dr. Alfred Komaz, Wien 19: Nach der Bildungsreform 1869 handelte es sich "um eine dreiklassige Bürgerschule", die an die fünfjährige Volksschule anschloss. Die Kinder konnten dort also bis zu acht Jahre verbringen. Buben und Mädchen erhielten gesondert Unterricht, und zwar in zwei getrennten Einrichtungen unter einem Dach.

Die Knabenschule, ergänzt Dr. Zemann, leitete in der Anfangszeit Oberlehrer Franz Bobies (1826-1891), die Mädchenschule Oberlehrer Ferdinand Thetter (wohl 1827-1919). Der Titel "Director" kam erst später.

Dem "Wiener Kommunal-Kalender und städtischen Jahrbuch" entnahm schon erwähnter Dr. Zemann, dass "am 8. Juli 1870 . . . acht Lehrer für 456 Schüler und acht Lehrer für 376 Schülerinnen" zuständig waren. "Unvorstellbar" sind für Dr. Zemann, der das Haus ja selbst kennt, solche "vollgestopften Klassen" mit teils "mehr als sechzig Kindern".

Auch die Recherchen von Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, bestätigen Platzmangel. Das Tüftlerpaar schmökerte in Jahresberichten der Knabenschule. In der 1874 erschienenen Ausgabe beklagte man das "Uebel der Ueberfüllung" in Unter- und Mittelklassen, "besonders in den letzten heißen Monaten" des Schuljahres, "wo das Thermometer . . . in den Lehrzimmern häufig 24 bis 25° Wärme zeigte". (Gemessen wohl nach Réaumur; dies entspräche ca. 30 bzw. 31,5 Grad Celsius.)

Außerdem wird im Jahrbuch festgehalten, dass die "alljährlich wiederkehrenden Kinderkrankheiten" im Winter einige Unterklassen "arg heimsuchten". Dass von fast 600 Kindern in diesem Jahr nur ein Knabe, der 7-jährige Ludwig Weißmann, starb, wird als "günstiges Zeichen für die sanitären Verhältnisse unserer Schule" gewertet.

Abendschule für Frauen

Dr. Zemann widmete sich auch Vereinen, die im Haus agierten. "Unter der Führerschaft der Schriftstellerin und Pädagogin Marie Clima, die für die Idee "unentgeltlicher Unterricht für mittellose erwachsene Mädchen" . . . andere Lehrerinnen zu begeistern wusste, wurde (1874, Anm.) eine Abendschule in der Preßgasse 24 gegründet". In dieser "Schule des allgemeinen Frauenvereins" bildete man Arbeiterinnen und andere bedürftige junge Frauen "zu Industrielehrerinnen", d.h. für Handarbeitsunterricht, aus.

Mit der Preßgasse 24 steht auch ein Aufruf an Eltern behinderter Kinder in Verbindung, den Dr. Zemann als "Meilenstein" bezeichnet. Dieser erschien im Februar 1873 in mehreren Blättern, u.a. der "WZ", und zwar "nicht in der damals üblichen . . . schmerzlich herabwürdigenden Diktion". Zu lesen war Folgendes: "Eltern, deren Kinder . . . geistig zurückgeblieben sind und in der allgemeinen Volksschule keine oder nur sehr geringe Fortschritte machen, denen aber daran liegt, daß ihre Kinder möglichst viel lernen, werden aufmerksam gemacht, daß "der Verein von Kinderfreunden" eine Schule für schwachbefähigte Kinder . . . eröffnet." Die Aufnahme fand in der "Bürgerschule, IV. Preßgasse 24, statt".

Brigitte Schlesinger, Wien 12, die diesen Aufruf ebenfalls entdeckte, statuiert, dass der genannte Verein "nicht ident ist mit den heutigen "Kinderfreunden Österreich"". Was aus der geplanten Schule für Kinder mit Behinderung bzw. Lernschwäche wurde, ist nicht bekannt.

Nicht in allen Belangen ging es in der Preßgasse fortschrittlich zu. Geschichtsfreundin Schlesinger entnahm einem kritischen Artikel in der "Deutschen Zeitung" (26. Juli 1873), dass an der Wiedner Institution "eine Vorliebe für Prügelstrafe" herrschte. In den Jahresberichten der Knabenschule wird das Thema mehrmals behandelt, wobei man lieber von "körperlicher Züchtigung" sprach. Schon 1868 befürwortet man diese als Maßnahme in Volksschulen.

Warum? Weil sie, so ein Beitrag im Jahresbericht, "nicht viel Zeitaufwand erheischt" und "der im kindlichen Alter vorherrschenden Empfänglichkeit für äußere, sinnliche Eindrücke am meisten entspricht". Den Einwand, dass Schläge "ein des Menschen unwürdiges" Disziplinierungsmittel seien, entkräftet man damit, dass "das Kind kein Mensch in der strengen Bedeutung des Wortes" sei, sondern zu einem solchen erst durch Erziehung geformt werde. Wenn nötig durch Gewalt.

Gretchenfrage

1875 kam die Wiedner Schule wieder in die Medien, so Tüftlerin Schlesinger. Diesmal statteten ihr der Landes- sowie der Bezirksschulinspektor einen unangekündigten Besuch ab, um eine heikle Angelegenheit zu klären: Ein Lehrer habe sich vor Schülerinnen ungehörig zum Fegefeuer geäußert - wie genau, geht aus den Berichten nicht hervor. Die Behörde stellte aber letztlich keine Verfehlung fest.

Das Karriereende von Direktor Franz Bobies legt nahe, dass die Schule in Religionsfragen öfters aneckte. Zeitreisende Schlesinger: Er wurde "seines Amtes enthoben", weil er gegen eine Verordnung auftrat, die Schüler und Lehrer zu Religionsübungen verpflichtete (tägliche Messe, vierteljährliche Beichte etc.) - obwohl die Trennung von Schule und Kirche im Gesetz stand.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner