Den Beinamen "Maultasch" erhielt Margarete von Tirol (1318-1369) posthum.  - © Bild: Archiv/koloriert von Philipp Aufner
Den Beinamen "Maultasch" erhielt Margarete von Tirol (1318-1369) posthum.  - © Bild: Archiv/koloriert von Philipp Aufner

Die Begriffe "fake news" und "Hasspostings" kamen Dr. Manfred Kremser, Wien 18, in den Sinn, als er sich mit der Vita der Margarete von Tirol beschäftigte. Die Hauptfigur der Spezialnuss aus Nro. 402 (Dezember 2019) wurde nämlich Opfer einer Diffamierungskampagne, lange vor dem Internet-Zeitalter. Margarete (verschiedene Schreibweisen überliefert) kennt man bis dato unter dem wenig schmeichelhaften Beinamen "Maultasch", der meist in der Bedeutung "liederliches Weib" oder "Hure" gelesen wird, so Dr. Kremser. Die Verleumdung soll auf "gegnerische Propaganda" zurückgehen.

In den Sagen treiben die Fehlinformationen skurrile Blüten, wie Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Deutsch-Wagram, anmerken: Obwohl Margarete wahrscheinlich "nie in Kärnten" war, erzählen dortige Legenden über die "militärischen Aktionen" der "bösen Gretl". In der Steiermark und in Salzburg kennt man sie "als Amazone in Eisenrüstung". Sie soll sich "von rohem Fleisch" ernähren und Männern das Blut aussaugen.

Wenn drei sich streiten

Um zur realen Person vorzudringen, musste die Gemeine den historischen Kern aus einem Wust an Märchen herausschälen. Zu den Fakten kommt Herbert Beer, Wolfpassing: Margarete entstammte dem Geschlecht der Meinhardiner, die 1253 die Grafschaft Tirol geerbt hatten. Margarete wurde 1318 als Tochter von "Heinrich Herzog von Kärnten und Graf von Tirol" geboren. Dieser hatte "keine männlichen Nachfahren" und erneuerte "1330 mit Kaiser Ludwig dem Bayern einen Vertrag, der ihm für seine Töchter die weibliche Erbfolge garantierte".

Auf "das Land im Gebirge", zu dem auch das heutige Südtirol gehörte, hatten damals, so Brigitte Schlesinger, Wien 12, die "um die Vorherrschaft im Reich ringenden Dynastien" - Luxemburger, Wittelsbacher und Habsburger - ein Auge geworfen, "versprach doch die Erwerbung der Grafschaft Tirol und des Herzogtums Kärnten" einen beträchtlichen Machtzuwachs. Deshalb war Margarete von Anfang an "Objekt von Heiratsplänen". Zunächst hatten die Luxemburger im "Kampf um das Tiroler Erbe" die Nase vorn.

Margarete wurde nämlich als Zwölfjährige mit einem Sohn des Königs von Böhmen, "dem Luxemburger Johann Heinrich (1322- 1375), . . . verheiratet", setzt Volkmar Mitterhuber, Baden, fort. Die junge Frau "erhielt nach dem Tod ihres Vaters, 1335, die Grafschaft Tirol, während Kärnten an die Habsburger fiel."

Ehemann ausgesperrt

Doch das Blatt im Ringen um Tirol wendete sich mit einem "drastischen Coup", so Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7. Margarete hatte eine gehörige Portion Eigenwillen entwickelt. "Als Johann Heinrich an einem Novemberabend des Jahres 1341 - hungrig, durstig, fröstelnd - von einer Jagdpartie zum Schloss Tirol (bei Meran, Anm.) zurückkehrte, fand er sein Heim verriegelt vor." Der Verstoßene, so die Überlieferung, tobte, musste von dannen ziehen. Die mit seiner Herrschaft unzufriedenen Tiroler Stände unterstützten seine Vertreibung.

Aus Schloss Tirol bei Meran (hier: Ansichtskarte des 20. Jh.s) sperrte Margarete ihren ersten Gemahl aus. - © Bild: Archiv
Aus Schloss Tirol bei Meran (hier: Ansichtskarte des 20. Jh.s) sperrte Margarete ihren ersten Gemahl aus. - © Bild: Archiv

Zu Margaretes Beweggründen recherchierte Gerhard Toifl, Wien 17: Sie gab an, "dass es nie zum Vollzug der Ehe gekommen" war und "Johann demnach impotent" gewesen sei. Ohne dass die Ehe annulliert worden wäre, heiratete sie "am 10. Februar 1342" ein zweites Mal, diesmal einen Wittelsbacher: Markgraf Ludwig "den Brandenburger", ältester Sohn des zuvor erwähnten Kaisers Ludwig.

Den Gegnern galt diese Verbindung "als Ehebruch", so schon zitierte Tüftlerin Schlesinger. Außerdem war es ein Problem, dass die beiden im dritten Grad verwandt waren. Es kam zum Kirchenbann. Dabei waren es auch ohne diese Querelen, die erst Jahre später geklärt wurden, "harte Zeiten für Tirol": Mehrmals "verwüsteten Heuschrecken das fruchtbare Land", Meran und Innsbruck brannten. Es gab ein "gewaltiges Hochwasser" sowie ein Erdbeben. Das Schlimmste kam 1349: "Der "Große Sterb", der "Schwarze Tod" . . . All dies wurde von der Bevölkerung als Strafe Gottes für das Verhalten Margaretes betrachtet."

"Am 18. September 1361 verstarb Markgraf Ludwig im Alter von 47 Jahren", berichtet Christine Sigmund, Wien 23. Der 1343/44 geborene Sohn Meinhard folgte nun als Regent. "Manche waren natürlich froh, so einen jungen Landesherren wie Meinhard III. zu haben. Man erhoffte sich, ihn leicht beeinflussen zu können." Doch schon am 13. Jänner 1363 verschied auch er. Da seine Geschwister, ein Bruder und zwei Schwestern, bereits verstorben waren, wurde seine Mutter Regentin des Landes. Und "obwohl sie noch am Jahresbeginn" auf die Herrschaft bestanden hatte, verzichtete sie "im Herbst 1363" darauf und "überschrieb Tirol dem nächsten Verwandten, . . . Rudolf IV. von Österreich". Die Habsburger waren es auch, die beim Papst die Loslösung vom Kirchenbann erwirkt hatten. Das heißt, Margarete verdankte ihnen die (nachträgliche) Legitimierung ihrer Ehe und ihrer Nachkommen.

Dr. Alfred Komaz, Wien 19: "Zwar fielen die Wittelsbacher in der Folge in Tirol ein, konnten ihre Ansprüche aber nicht durchsetzen und Kaiser Karl IV. belehnte Herzog Rudolf IV. 1364 mit Tirol, der ab nun sagen konnte: "Alle Straßen, die von Deutschland nach Italien führen, stehen in unserer Gewalt.""

In Erich Zöllners "Geschichte Österreichs" schlug Dr. Karl Beck, Purkersdorf, nach; laut diesem Standardwerk "existiert eine Urkunde mit dem Datum 2. September 1359, in der . . . Margarete die Herrschaft über Tirol den Habsburgern für den Fall des erbenlosen Todes von Gatten und Sohn in Aussicht stellt." Zöllner hält das Dokument allerdings für eine Fälschung, die erst 1363 angefertigt wurde.

In diesem Jahr übersiedelte Margarete nach Wien, so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf; "dort bewohnte sie bis zu ihrem Tod ein geräumiges und ihrem Stand angemessenes Haus nahe dem Minoritenkloster" innerhalb der Stadtmauern. "Beigesetzt wurde sie in der Ludwigskapelle der Wiener Minoritenkirche." Dass die Vorstadt Margareten nach ihr benannt wurde, wie man lange glaubte, ist widerlegt.

Fratze der Verleumdung

Damit wendet sich Elisabeth Somogyi, Wien 11, nochmals dem schlechten Ruf der Meinhardinerin zu, den ihr die "Verleumdung durch ihre politischen, kirchlichen, persönlichen Gegner" einbrachte. Dazu gehört auch ihre - ebenfalls mit dem Namen "Maultasch" in Verbindung gebrachte - angebliche Hässlichkeit. "Zeitgenossen loben ihr reizvolles Äußeres". Später wurde u.a. behauptet, ihr Mund sei entstellt. Es wurden weiters "fratzenhafte, karikaturähnliche Bilder verbreitet" bzw. mit ihrem Namen versehen.

Die wohl bekannteste groteske Darstellung ist jene einer alten Frau, gemalt vom flämischen Künstler Quentin Massys (1466-1530), der sich aber nicht auf Margarete bezog. Schon erwähnter Tüftler Dr. Kremser: "Als 1920 das Brustbildnis Massys . . . im Londoner Kunsthandel auftaucht, erscheinen Postkarten mit folgendem Text: "Das weltberühmte Bild der Margarete Maultasch . . ." Auch "Lion Feuchtwangers Buch "Die häßliche Herzogin", dessen erste Auflage 1923 . . . erschien, hat sicher dazu beigetragen", dass sie zum "Inbegriff des unschönen Mannweibes" wurde.

P.S. Der Buchpreis geht an Christine Sigmund; herzlichen Glückwunsch!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner