Wir schreiben April 1725 und schreiten in der Kaiserstadt von den Tuchlauben in die Schultergasse zu einem Haus. Unauffällig, wie Detektive, schlendern wir vor dem Bauwerk hin und her - immer dessen Tor im Blick. Wir wollen aber niemanden ausspionieren, sondern als neugierige Zeitreisende die Probe aufs Exempel machen: Im "Wienerischen Diarium" lasen wir, dass hier Postensuchende anklopfen.

Endlich schlüpft ein Jüngling ins Gebäude. Doch alles geht zu schnell. Wie sah er nur aus? Hm, irgendwie wirkte er sympathisch. War seine Nase wirklich so groß? Später, bei Durchsicht alter Porträts, erinnert er uns an den Burschen rechts oben in der Bildleiste...

Bald haben wir nämlich unseren Beobachterposten vor dem auch Dienst-
suchende Partheyen
betreuenden Fragamt aufgegeben. Schließlich brauchen Menschen in arger Notlage diese junge Einrichtung in der Schultergasse und man spürt gleich, dass sie lieber nicht gesehen werden wollen. Arbeitslos im Wien der Ära Kaiser Karls VI. zu sein, bedeutete harten Überlebenskampf.

Nach dem Rückzug vom Kaiserl. Universal-Kundschaft- und schriftlichen Niederlags-Amt, so die offizielle Bezeichnung, blättern wir einfach in Ruhe in alten Werken, in denen wir zudem noch Illustrationen zum Thema anschauen. Wir werden da und dort fündig. Aber es ist einfach zu wenig, um tiefer in die über Epochen unterbelichtete Materie einzudringen.

Auch im 18. Jh. propagiert: Aufstieg in Staat und Kirche durch Bildung.  - © Bild: J. B. v. Antesperg, ... A.B.C. Oder Namenbüchlein ..., Wien 1744
Auch im 18. Jh. propagiert: Aufstieg in Staat und Kirche durch Bildung.  - © Bild: J. B. v. Antesperg, ... A.B.C. Oder Namenbüchlein ..., Wien 1744

Wie also weiter? Ganz einfach! Führt eine Spur nicht zum Ziel, heißt es, sich nach einigem Abwägen umzuorientieren und beherzt eine neue Fährte aufzunehmen. Wir schreiben nun den 14. April 1725 und gehen wieder in der Donaumetropole spazieren. Diesmal in der Gegend um die Hofburg. Als die eindrucksvolle Kirche St. Michael vor uns auftaucht, biegen wir zum Haus daneben ein. Hier logiert das "Wienerische Diarium", hier bekommen wir alles schwarz auf weiß.

Naja, nicht geschenkt. Sieben Kreuzer sind zu berappen. Keine Kleinigkeit, hatte doch der Gulden, mit dem man ein halbes Dutzend Leute zu gutem Gasthofschmaus einladen konnte, damals 60 Kreuzer. Jetzt jedoch haben wir für den geschmalzenen Preis ein druckfrisches Exemplar unseres Blattes ergattert. Mit feiner Spürnase ignorieren wir diesmal ausnahmsweise das eigentliche "Diarium". All unser Interesse gehört einer Beilage, die streng genommen keine Beilage ist.

Worum geht es? Um einen Geheimtipp: Von Zeit zu Zeit lag einst dem "Diarium" ein selbständiges Publikationsorgan bei. Titel: Kundschafts-Blätl. Herausgeber: Das Fragamt. Im konkreten Fall handelt es sich um Num. (= Numero) VI.; diese Ausgabe bestand aus zwei Seiten. Auf der ersten und kurz auf der zweiten werden von Partheyen zu verkaufende Güter und Immobilien angepriesen. Zum Beispiel ein zweistöckiger Hof in Aderkling (= Ottakring) um 2600 Gulden. Jeder Verkäufer trägt eine Nummer (163 für den Hof).

Auf der zweiten Seite dominiert eine weitere Partheyen-Rubrik mit vielen Nummern, die für anderes stehen. Für Menschen, die ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben. Ob es ihnen gelingt, ist anno 1725 aber sehr, sehr fraglich.

Auf großen Plätzen schauten im 19. Jh. Arbeitslose zuweilen nach Dienstherren aus.  - © Bild aus: C. Stöber, ... Erzählungen, Reutlingen o.J.
Auf großen Plätzen schauten im 19. Jh. Arbeitslose zuweilen nach Dienstherren aus.  - © Bild aus: C. Stöber, ... Erzählungen, Reutlingen o.J.

Unter Zahl 176 finden wir die Anfrage: Ein verheirateter Lust-Gartner sucht Dienst. Ob irgendeine Herrschaft einen Mann samt Frau (und Kindern?) will? Wahrscheinlich hat es der als Nummer 181 aufscheinende Fleisch-Hacker ein wenig leichter: Er bietet sich für Heiducken- oder Haus-Meister-Dienst an - sozusagen als Mädchen für alles, verstand man unter Heiducken ja neben Fußsoldaten auch Sänftenträger und ähnliches. Unter Zahl 156 will ein gewesener Rent-Schreiber, ein Sekretär für Geschäftssachen, neu anfangen. Einige (...) vacirende (= dienstlose) Kutscher verweisen unter den Kennzahlen 131 und 142 auf Recommendation, also Empfehlungen früherer Dienstgeber.

Was aus all diesen Stellenlosen geworden ist, wissen wir nicht. Dafür aber eines: Solange sie keinen Posten hatten, mussten sie sich irgendwie über Wasser halten - mit Botengängen, Holzhacken, Trägerdiensten etc. Klostersuppen halfen, sie reichten jedoch nicht fürs Überleben. Nicht anders sollte es übrigens dem Heer der Erwerbslosen im 19. Jahrhundert ergehen (vgl. Illustration oben).

Zurück zu 1725. Das Fragamt war verschlafen, es vermittelte z.B. kaum Frauen. Es wachte auf, als eine Gazette es unter ihre Fittiche nahm. Bald half man Postensuchenden im Haus des "Diariums", dessen Verleger später das Amt pachtete. Pacht zahlte man bis 1857, als das Blatt längst "Wiener Zeitung" hieß.

Kopfnuss: Viele Arbeitslose wollten auch in Liberey gehen. Was war das? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)