Der Völkerbund (hier: Aufruf zum Beitritt Deutschlands aus 1924) entschied in der Ålandfrage gegen den Willen der Inselbevölkerung.  - © Bild (nachkoloriert): "Lachen links", 1924
Der Völkerbund (hier: Aufruf zum Beitritt Deutschlands aus 1924) entschied in der Ålandfrage gegen den Willen der Inselbevölkerung.  - © Bild (nachkoloriert): "Lachen links", 1924

Zwischen Turku und Stockholm liegt in der Ostsee ein Archipel, der als völkerrechtliches Musterbeispiel gilt: Åland mit der Hauptstadt Mariehamn umfasst ca. 6700 Inseln, wie Dr. Karl Beck, Purkersdorf, erwähnt. Und obwohl die gegenwärtig ca. 30.000 Einwohner großteils Schwedisch sprechen, sind sie finnische Staatsbürger. Heutzutage lockt u.a. der zollfreie Einkauf auf den Fähren zwischen Festland und Inseln - die Gemeine interessierte sich bei ihrer Zeitreise gen Norden jedoch für andere Aspekte: Frage 2 der Nro. 404 drehte sich um eine anno 1920 noch junge Institution, die sich mit der sogenannten Ålandfrage beschäftigte.

Bei der gesuchten Weltorganisation handelte es sich, so Christine Sigmund, Wien 23, um den im Zuge der Versailler Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg initiierten Völkerbund. Maria Thiel, Breitenfurt, notiert, dass das Gremium mit Sitz in Genf "am 10. Jänner 1920 seine Arbeit" aufnahm. Wie Gerhard Toifl, Wien 17, fortsetzt, sollte es "internationale Kooperation fördern, in Konfliktfällen vermitteln" und "die Einhaltung von Friedensverträgen überwachen".

Die "Ohnmacht des Völkerbundes", den "das Fehlen der USA und weiterer Großmächte" schwächte, erwähnt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7. Aus Beispielen für sein Versagen hebt die Tüftlerin eines hervor: "Nichts unternimmt der Völkerbund gegen die Expansionspolitik der NS-Regierung in Deutschland", das 1933 seinen Austritt verkündet hatte.

Brennpunkte im Meer

"Hervorragendes" leistete der Völkerbund jedoch, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, bei "Fragen des nationalen Minderheitenschutzes".

Anfangs, so bereits erwähnter Zeitreisender Toifl weiter, konnte er auch "Erfolge bei der Lösung kleinerer Konflikte" erzielen. Etwa jenen um Spitzbergen, so Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ: "Bei den Pariser Friedensverhandlungen war es dem Norweger
F. W. Jarlsberg gelungen, Spitzbergen für sein Land zu sichern, als Ausgleich für die Verluste der norwegischen Flotte im . . . Weltkrieg. Auf Beschluss des Völkerbundrates wurde am 9. Februar 1920 . . . der Vertrag unterzeichnet."

Im Bottnischen Meerbusen liegen die Ålandinseln (markiert); diese französischsprachige Karte stammt aus einem Schweizer Schulatlas (1921). - © Bild: Archiv
Im Bottnischen Meerbusen liegen die Ålandinseln (markiert); diese französischsprachige Karte stammt aus einem Schweizer Schulatlas (1921). - © Bild: Archiv

Eine Lösung fand man auch in einer Causa, die Mag. Robert Lamberger, Wien 4, nennt: Völkerbund-Gründungsmitglied Schweden stritt mit Finnland um die Ålandinseln. Herbert Beer, Wolfpassing, zu den Wurzeln: Åland gehörte seit dem Mittelalter zu Schweden. Ab 1714 kam es wiederholt "unter russische Besatzung" und 1809 zusammen mit ganz "Finnland an das Zarenreich".

Zur strategischen Bedeutung der Eilande recherchierte Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "Schweden sah in den dort installierten russischen Befestigungen eine Gefahr . . ., denn mit diesen konnte die Seefahrt zum Bottnischen Meerbusen . . . effizient behindert werden."

Dr. Harald Jilke, Wien 2: "Die russische Februarrevolution . . . 1917 führte in Finnland zu turbulenten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die am 6. Dezember des Jahres in die Unabhängigkeitserklärung des finnischen Parlaments mündeten."

Alfred Kaiser, Purkersdorf: "1919 versuchte Schweden zweimal vergeblich, die Ålandfrage auf die Tagesordnung der Friedenskonferenz" zu bringen. Als Kompromiss verabschiedete Finnland "im Frühjahr 1920 ein Gesetz, das Åland eine weitgehende Selbstverwaltung zugestand". Den Insulanern reichte das nicht.

Die Waffen nieder

Wenig später wurde dem Völkerbund, wie Volkmar Mitterhuber, Baden, informiert, "die Ålandfrage . . . auf britische Initiative zur Entscheidung vorgelegt." Da Finnland zu diesem Zeitpunkt, im Sommer 1920, noch kein Mitglied der Organisation war, wurde es, notiert Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, "zur Entsendung eines Sondergesandten eingeladen und kam dem auch nach".

Kleiner Fisch Deutschland, der vom Hai Völkerbund gefressen wird: Karikatur aus 1920.  - © Bild (Schmuckfarbe): Zeitschrift "Jugend"/Archiv
Kleiner Fisch Deutschland, der vom Hai Völkerbund gefressen wird: Karikatur aus 1920.  - © Bild (Schmuckfarbe): Zeitschrift "Jugend"/Archiv

Der Völkerbund richtete eine aus drei Personen bestehende Kommission ein, so Brigitte Schlesinger, Wien 12. "Diese drei Herren begaben sich zum Lokalaugenschein auf die Ålandinseln." Auch wurden, wie ein österreichisches Blatt 1921 schrieb, "in Genf mehrere Einwohner von Aland verhört, und sie schwuren hoch und teuer, daß nur drei Prozent der Bevölkerung für Finnland eintreten, während der Rest sich zu Schweden bekennt". Zwar sprach sich der Völkerbund dafür aus, dass der Archipel bei Finnland bleiben sollte, die Kommission erkannte jedoch an, so die Tüftlerin, "dass die Bevölkerung von Åland eine berechtigte Angst hatte", ihre Identität zu verlieren.

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, weiter: "Am 20. Oktober 1921 kam in Genf eine von Finnland, Schweden, Deutschland (trat dem Völkerbund erst 1926 bei, Anm.), Dänemark, Estland, Großbritannien, Italien, Lettland und Polen unterzeichnete Konvention zustande." Als einziger Ostsee-Anrainer "fehlte die Sowjetunion im Kreis der Unterzeichnerstaaten (Litauen hatte zu dieser Zeit keine Küstengebiete)".

Das Ergebnis nennt DI Paul Bargmann, Katzelsdorf: "Åland bleibt bei Finnland, aber die schwedische Bevölkerung hat umfangreiche Sonderrechte." Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz: "Die Ålandinseln" werden zur "entmilitarisierten Zone" und "weitgehend autonom verwaltet".

"Zur Sicherung der Nationalität, der Sprache und der Kultur der schwedischsprachigen Bevölkerung der Inseln", setzt Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, fort, seien jedoch "verschiedene Garantien zu geben."

Neutralität und Entmilitarisierung waren für Åland schon 1856, nach dem Krim-Krieg, vertraglich festgelegt worden, wie bereits zitierter Tüftler Dr. Kremser notiert. Das Abkommen, unterzeichnet von Großbritannien, Frankreich und Russland, war "Vorläufer für das 1920 mit dem Völkerbund geschaffene Sicherheitssystem. Es war aber fünfzig Jahre später - 1906 - und dann nochmals im Ersten Weltkrieg durch die Russen" sowie später durch andere Mächte gebrochen worden. "So wie der Åland-Vertrag von 1856 zusammenbrach . . ., brach auch das Völkerbundsystem zusammen. Da die Supermächte der damaligen Zeit sich nicht an die Regeln, die sie selbst aufgestellt hatten, hielten. 1945 traten die Vereinten Nationen . . . an die Stelle des Völkerbundes. Wie wird die 100-Jahr-Feier der UNO wohl ausschauen"?

P.S. Details zu einem Schienenweg im Ländle, u.a. von Manfred Bermann, Wien 13, folgen in der nächsten Ausgabe!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner