Gen Wien: Russen im April 1945.  - © Foto: Russische Botschaft in Wien
Gen Wien: Russen im April 1945.  - © Foto: Russische Botschaft in Wien

Ein geschenktes Brot mit Kunsthonig, eine gestohlene Sardinenbüchse, mit Hammer und Stemmeisen geöffnet, ein zufällig gefundener Hinterhaxen einer Kuh . . . In Berichten von Wienerinnen und Wienern zu den letzten Kriegstagen und den Monaten danach taucht regelmäßig der beißende Hunger auf, der die Menschen ständig plagte. Und natürlich: Das Ausharren im Luftschutzkeller, das Pfeifen der Geschoße, die brennende Stadt. Vor kurzem erschien unter dem Titel "Die Befreiung Wiens. April 1945. Gespräche mit Überlebenden" eine Sammlung von Interviews, die "Wiener Zeitung"-Redakteur Michael Schmölzer führte. (Einige der Texte sind in der "WZ" erschienen.)Einer der Zeitzeugen, die zu Kriegsende allesamt Kinder oder Jugendliche waren, ist Josef Andersch. Aufmerksame Zeitreisende kennen ihn als Gemeine-Mitglied (u.a. als Sammler von Zündholzetiketten, der dem Geschichtsfeuilleton gemeinsam mit Manfred Bermann etliche phillumenistische Beiträge lieferte).

Josef Andersch war bei der Befreiung Wiens elf Jahre alt. Sein Vater, Mitglied einer Widerstandsgruppe in den Austro-Fiat-Werken in Floridsdorf, war 1942 hingerichtet worden. In den letzten Tagen des Krieges, an denen übrigens "meistens schönes Wetter" war, sah der Bub u.a. "Leichenberge" toter Soldaten, die nach Bombardierung einer Panzerkolonne hinter einem Straßenbahnwartehäuschen in der Shuttleworthstraße lagen.

Der Winter 1945/46 war hart, doch Lichtblicke gab es zuweilen. Die Russen, so Josef Andersch, "haben uns Kinder ja geliebt. Die haben Brot aufgeschnitten, Kunsthonig drauf gestreut und gedeutet: da, iss!"

Neben Zeitzeugenberichten enthält das Buch erläuternde Exkurse. Theodor Kramer Gesellschaft 2020, 131 Seiten, 15 Euro.

Morgen, 4. April 2020, wird in der "WZ"-Samstagsbeilage "Extra" ein Beitrag dazu folgen.