Reisende (hier Karikatur einer Schiffspassage 1824) verbreiten Seuchen.  - © Bild (gemeinfrei; Ausschnitt): G. Cruikshank/Archiv
Reisende (hier Karikatur einer Schiffspassage 1824) verbreiten Seuchen.  - © Bild (gemeinfrei; Ausschnitt): G. Cruikshank/Archiv

In Zeiten grassierender Seuchen wollen Gazetten nicht nur fundierte Fakten liefern, sondern auch Hintergrundwissen. Als hierzulande 1918 die "Spanische Grippe" ausbrach, beleuchtete die "Wiener Zeitung" die Historie der Krankheit. (Übrigens: Das erste Land, das unverblümt von dem Übel berichtete, war Spanien - daher der Name.) Der von einem Mitarbeiter namens Wilhelm Widmann verfasste Text, erschienen am 29. September 1918, wird im Folgenden leicht gekürzt, aber ansonsten unverändert, d.h. in der damals üblichen Rechtschreibung, wiedergegeben:

Komet als Ursache?

Die tückische Seuche mit dem melodischen Namen (Influenza, Anm.), (...) jetzt auch "spanische Grippe" betitelt, tritt seit kurzem epidemisch in allen Weltteilen auf. In Europa hat sie noch selten so große, allgemeine Ausbreitung gefunden (...). Ihrem Wesen nach ist die jetzt wieder "modische" Seuche uralt. Schon die alten Griechen scheinen von ihr heimgesucht worden zu sein; wenigstens weiß der berühmteste Arzt des Altertums, (...) Hippokrates, in seinen Schriften von einer verheerenden Krankheit zu berichten, die ums Jahr 412 v. Chr. in Griechenland und Italien hauste und deren Symptome mit denen der Influenza identisch zu sein scheinen. (...)

Den Namen "Influenza" erhielt die Krankheit von dem Professor der Medizin an der Universität Greifswald Christian Kale (Calenus, 1529 bis 1617). In dem Berichte, den er über seine Amtsführung als Rektor im Jahre 1579/80 erstattete, führte er die Epidemie, die damals in Greifswald heftig aufgetreten war, auf den Einfluß des Himmels (Influentia coeli), eines himmlischen Körpers, und zwar eines im Oktober 1579 entdeckten Kometen, zurück. "Ohne Zweifel", heißt es in seinem Berichte, "wird die Luft durch einen geheimen Einfluß des Himmels verschlechtert, und daher rührt die Seuche." Größere Verbreitung fand die Bezeichnung "Influenza" erst im Laufe des 18. Jahrhunderts. (...) Bemerkenswert ist folgende Erwähnung in dem 1792 in zweiter Auflage erschienenen "Medizinischem-practischem Handbuch" des "russisch kaiserlichen Etatsrats" M. A. Weikard, Hofarztes der Kaiserin Katharina II.: "Ich habe schon anderwärts zu zeigen gesucht, wie Catarrh auch durch Einwirkung scharfer Theilchen aus der Luft entstehen kann. Ich leite aus dieser Quelle vorzüglich jene allgemeinen Catarrhe her, welche ganz Teutsch-land, oder ganz Europa, in gewissen Jahren durchwandert haben. Am berüchtigsten (sic) ist jener von 1782, welcher unter dem Titel Influenza ausgezeichnet (...) wurde. Ich trug einstens die Lehre vor, daß nicht unterdrückte Ausdünstung (...), sondern daß gewisse schädliche Theilchen der Luft sie verursacheten. (...)"

Krankenlager einer Patientin des späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhunderts. - © Bild (Ausschnitt): Rijksmuseum/public domain
Krankenlager einer Patientin des späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhunderts. - © Bild (Ausschnitt): Rijksmuseum/public domain

Aus dem 18. Jahrhundert werden bereits 19 Influenzaepidemien gemeldet; in Deutschland herrschte die Krankheit namentlich in den Jahren 1780 bis 1783 sehr stark. In einem Briefe vom 13. März 1780 an (den Naturforscher, Anm.) J. H. Merck hebt (der Literat, Anm.) Chr. M. Wieland hervor, daß auch er von der Seuche geplagt worden ist. Er schreibt: "Ich bin diese 3 Wochen über immer zu Hause gesteckt und habe mich mit der garstigen Schnuppenseuche herumgebalgt, die über ganz Europa gekommen ist, und die so zäh ist, daß man sie gar nicht wieder los werden kann. In Paris heißt man sie la Grenade und bei Damen la Coquette; bei uns hat sie zwar keinen Namen, aber sie ist kein Haar besser darum. Mein ganzes Haus ist diese 4 Wochen her davon angesteckt gewesen, sogar der kleine Junge, der alle Mühe . . . gehabt hat, sich durchzuarbeiten, aber doch dermalen wieder ganz brav ist."

Krank nach Umarmung

Wie der Dichter des "Oberon", so ist auch der Dichter der "Räuber" von der Krankheit nicht verschont geblieben. Bei der Rückkehr von seiner zweiten Reise nach Mannheim am 28./29. Mai 1782 wurde Schiller von der Influenza heimgesucht, die ihn bis in den Juni hinein zu aller Arbeit unfähig machte. In Andreas Streichers Buch "Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim" heißt es: "Schiller kam äußerst mißmuthig und niedergeschlagen zurück, ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis, als leidend durch die Krankheit, die er mitbrachte. Diese Krankheit, welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich heftigen Schnupfen oder Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser Dieses, als er Schiller einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte."

Wie stark die Influenza damals grassierte, geht auch aus folgender Mitteilung Ifflands in dessen Selbstbiographie: "Meine theatralische Laufbahn" (Leipzig 1798) hervor: "Ich muß noch anführen, daß unter die Unglücksfälle dieses Theaters die vielen Krankheiten gehören, womit es besonders im Jahre 1782, wo die Influenza über Europa wüthete, heimgesucht wurde. Zwar spielten alle Kranken, sogar im heftigsten Fieber manchmal; allein es gab Perioden, wo die Bühne ganz geschlossen werden mußte."

Daß auch Goethe die Influenza kannte, beweist das elfte seiner in den Jahren 1807 und 1808 entstandenen Sonette, das "Nemesis" betitelt ist und beginnt: "Wenn durch das Volk die grimme Seuche wüthet, / Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen. / Auch ich hab’ oft mit Zaudern und Verpassen / Vor manchen Influenzen mich gehütet."

Depression à la Dickens

Zu außerordentlicher Verbreitung gelangte die Influenza in den Jahren 1830/32 und 1836/37. Sehr interessant ist die Schilderung, die der berühmte englische Romanschriftsteller Charles Dickens damals (...) gab. Die bemerkenswertesten Stellen lauten in der deutschen Übersetzung:

"Diese ganz sonderbare Epidemie wird durch feine Einflüsse in der Luft hervorgerufen und wird darum von den Italienern Influenza genannt, während die Franzosen sie als Grippe bezeichnen und alte Ärzte sie ansteckenden Katarrh (Schnupfenseuche) nennen. Ansteckend ist sie gewiß, doch das ist noch nicht Alles. Die richtige Influenza bringt nicht nur alles Böse eines Katarrhs mit sich, sondern auch ein außerordentliches Sinken der Lebensgeister. Man kann das Niedergedrücktsein, das infolge der Influenza eintritt, so wenig mit dem vergleichen, das nach einer Erkältung kommt, als man einen Brunnen mit dem Loch eines Regenwurms vergleichen wird. Die Krankheit verläuft gewöhnlich rasch; ein vorher gesunder Mensch ist eine Woche lang krank, es bleibt ihm aber dann noch eine Schwäche zurück; ein kränklicher oder alter Mensch wird oft durch sie dem Grabe zugeführt. . . . Die Influenza pflegt wohl die Hälfte der Einwohnerschaft einer Stadt zu ergreifen. (...) Was Influenza eigentlich ist, vermag kein Mensch mit Bestimmtheit zu sagen. Manche Forscher behaupten, daß sie mit den magnetischen Strömen der Erde in Verbindung steht. Auch von der elektrischen Beschaffenheit der Luft soll sie abhängen. Man hat das Entstehen der Influenza auch der unter bestimmten Bedingungen erfolgten Entwicklung von Pflanzenkeimen oder lebenden Wesen zugeschrieben, die kleiner sind, als daß sie mikroskopisch wahrnehmbar wären. Auf diese Weise könnte eine Person, die solche Keime mit sich herumträgt, durch Berührung oder Nahekommen die Krankheit auf andere übertragen. So läßt sich die bestimmte Thatsache erklären, daß Jemand, der mit der Eisenbahn von einer Stadt kommt, in der die Influenza herrscht, ohne selbst krank zu sein, die Krankheit an seine Freunde und Bekannte, mit denen er zusammentrifft, überträgt."

Warten auf die Sonne

So schrieb Dickens vor 80 Jahren. Inzwischen hat die ärztliche Wissenschaft große Fortschritte gemacht, hat auch den Influenzabazillus glücklich entdeckt, aber trotzdem setzt die Seuche mit ungeschwächten Kräften ihre unheimlichen Züge durch alle Länder fort. Heutzutage bekämpft man sie hauptsächlich mit Pyramidon, Antipyrin, Chinin, Salipyrin, Salol, Jodkali u. dgl., während man früher ihr mit Aderlässen, Abführ- und Brechmitteln beizukommen suchte. Nach der Versicherung der Bakteriologen entartet der Influenzabazillus leicht. Gegen Wärme soll er sehr empfindlich sein; wer also allein in kürzester Frist mit dem gefährlichen Kommatier fertig wird, ist die Sonne.

P.S. Kommatier - welche Anspielung auf 1883 ist das? Wer Hinweise liefert (bitte an andrea.reisner@wienerzeitung.at), kommt vor den Vorhang!

"WZ"-Grippe-Jahrgang 1918 untersuchte Andrea Reisner