Trunkene reden wahr, heißt es, und nicht umsonst ist im Wirtshaus schon allerhand ans Licht gekommen . . . Schauplatz ist eine Schenke im alten Mühlviertler Markt Gramastetten, etwa 15km nordwestlich von Linz. Dort, beim Lackner, sitzt der Bauer Leopold Feyrer und redet sich um Kopf und Kragen. Es sei ihm gelungen, so renommiert er, 10kg einer verbotenen Substanz aus der Schweiz zu schmuggeln. Damit lasse sich nun gutes Geld verdienen.

Pech war nur, dass seine Aufschneiderei auch einem verärgerten Rivalen zu Ohren kam: Adolf Krump (oder Krumpf), der selbst beim Schmuggeln erwischt und nach längerer Untersuchungshaft zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden war. Feyrer frotzelte, Krump solle sich doch ein Beispiel an ihm nehmen. Ihn erwische man nicht.

Wenig später, am 19. Dezember 1911, flatterte ein anonymer Brief in den Gendarmerieposten Gramastetten, die Gesetzeshüter rückten zu Ermittlungen aus, Feyrer kam vor Gericht, wegen Schmuggels und Verkaufs von Saccharin.

Denunziert: Mühlviertler Leopold Feyrer (1876-1914). - © Foto: privat
Denunziert: Mühlviertler Leopold Feyrer (1876-1914). - © Foto: privat

Obwohl der 1878 von einem deutschen Chemiker in den USA entdeckte Süßstoff als unschädlich galt, war er damals in den meisten europäischen Staaten verboten bzw. nur unter strengen Auflagen erhältlich. 1898 wurden für Cisleithanien Verordnungen erlassen, nach denen das Saccharin fast ausschließlich in Apotheken abgegeben werden dürfe, an (Zucker-)Kranke mit ärztlichem Attest.

Da die Nachfrage aber auch unter Gesunden riesig war, stand der Schwarzmarkt bald in voller Blüte.

Liest man in Gazetten der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, der Hochzeit des Saccharinschmuggels, so stößt man immer wieder auf Berichte wie jenen über den Fall Feyrer, der einem oberösterreichischen Blatt von anno 1912 zu entnehmen ist.

Auch in der "Wiener Zeitung" finden sich Spuren von Saccharin. Etwa ein Urteil I. Instanz, publiziert am Freitag, den 31. Mai 1912 im Amtsblatt. Den Josef Linde, Malergehilfen, verurteilte das für Zollvergehen zuständige k.k. Gefällsobergericht in Wien wegen wiederholten Schleichhandels mit dem Süßstoff zu einer Arrest- sowie Geldstrafe. Die spezielle Schmugglerweste wurde in Verfall erklärt, also beschlagnahmt.Dass der Delinquent zuletzt in Zürich wohnhaft war, passt ins Bild. Die Schweiz gab Produktion und Verkauf von Saccharin prinzipiell frei und so wurde ihre Handelsmetropole zur Hochburg süßer Schattenwirtschaft.

Um die Konterbande - meist via Deutschland - in die Donaumonarchie zu schaffen, ließ man sich einiges einfallen. Das Saccharin wurde in Kleidung eingenäht, in Champagnerflaschen, Katzenkäfigen oder Särgen versteckt, in kleinsten Mengen per Brief oder zentnerweise in Heringsfässern versendet (letzterer Coup flog Anfang 1912 auf). Das bayrische Grenzdorf Bischofsreut veranstaltete regelmäßig Prozessionen mit einer hohlen Statue des heute legendären "Saccharinheiligen" Johannes Nepomuk - voll der Schmuggelware für das benachbarte Böhmen.

Reißenden Absatz fand das Surrogat dort, wo Zucker ein Luxusgut war. In ärmeren ländlichen Regionen wie in Teilen Böhmens oder im Mühlviertel, aber auch in städtischen Elendsquartieren versüßte man sich das Leben damit. Einen Haken hatte das Saccharin aus damaliger Sicht: Ihm fehlt jeglicher Nährwert.

Offiziell war dies der Grund dafür, dass die Obrigkeit den u.a. aus Steinkohleteer gewonnenen Stoff zur Gefahr erklärte. Dahinter, so konnte man sich ausrechnen, stand weniger die Sorge um die Gesundheit der Menschen: Die heimische Rübenzuckerindustrie, deren Wurzeln in die Ära der napoleonischen Kontinentalsperre reichen, gehörte zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Monarchie. Dem Staat bescherte sie satte Steuereinnahmen. Im Gegenzug hegte und pflegte man sie, mit Exportprämien, Schutzzöllen etc.

Purer Luxus war Zucker (hier: Fabriksherstellung in damals üblicher Hut-Form, 1885) vor allem in ländlichen Regionen. - © Bild (public domain): Rijksmuseum
Purer Luxus war Zucker (hier: Fabriksherstellung in damals üblicher Hut-Form, 1885) vor allem in ländlichen Regionen. - © Bild (public domain): Rijksmuseum

Letztlich zahlten die Konsumentinnen und Konsumenten für die hohe Zuckersteuer. Saccharin, in Form von Pulver oder Pastillen, bot eine leistbare Alternative. Doch als 1897 der Absatz rasant stieg, machte der Staat auf Intervention der Zuckerbarone die Konkurrenz unschädlich.

Da Fleisch und Zucker unerschwinglich wurden, kam es 1911 zu einer Großkundgebung vor dem Wiener Rathaus. Ein Schuss fiel, die Menge floh panisch über Lerchenfelder Straße und Thaliastraße, wo k.u.k. Militär ein Blutbad anrichtete.

Ob in der Donaumetropole oder im Mühlviertel: Man dachte nicht daran, sich das Saccharin verbieten zu lassen. Das "Schwärzen" galt höchstens als Kavaliersdelikt, ja schmuggelnde Männer und Frauen genossen ein gewisses Ansehen und wurden gedeckt. Nur etwa ein Zehntel flog auf, schätzt der Schweizer Historiker Christoph Maria Merki.

Wäre der Oberösterreicher Feyrer belangt worden, wenn man ihn nicht denunziert hätte? In der Gegend um Gramastetten und Neußerling, seinem Heimatort, wusste wohl jeder, warum er öfters in die Schweiz fuhr. Etliche Zeugen, bei denen die Gendarmerie anklopfte, werden seine Ware im Haus gehabt haben. Und obwohl manche behaupteten, ein ominöser Unbekannter habe sie beliefert, sah das Gericht Feyrers Schuld als erwiesen an. Das Urteil: 14 Tage Arrest. Ob der Bauer seinem Nebenerwerb weiter nachging, ist unbekannt.

Kopfnuss: Worauf spielt der Name Saccharin an? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)