Museen öffnen ihre digitalen Tore, Universitäten stillen den Wissensdurst mit online verfügbarem Archivmaterial und auch andere Forschungsstätten laden vermehrt dazu ein, ihre Leistungen per Mausklick zu erkunden.

Eines dieser Projekte ist der Gemeine aus etlichen Zeitreisen-Berichten durchaus vertraut: Es handelt sich um das Vorhaben mit dem Titel "Digitarium", das eine akribische Digitalisierung von Quellen des 18. Jh.s zum Ziel hatte - und zwar von Ausgaben jenes Blattes, das seit 1780 den Namen "Wiener Zeitung" trägt und davor "Wien(n)erisches Diarium" hieß. Das Forschungsinteresse konzentrierte sich damit auf das damals bedeutendste Medium der Habsburgermonarchie, von dem (fast) alle Ausgaben erhalten sind.

Das achtköpfige Team um die Projektleiterin Dr. Claudia Resch, die an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig ist, kann mit Neuigkeiten aufwarten. Eine wichtige Etappe, an der seit 2016 gearbeitet wurde, ist geschafft: Die Digitalisate sind online abrufbar!

Neuigkeiten ab 1703

Den Auftakt macht die erste Seite der ersten Ausgabe unseres Blattes vom 8. August 1703. Dort heißt es: Wiennerisches Diarium, Enthaltend Alles Denckwürdige / so von Tag zu Tag so wohl in dieser Käyserlichen Residentz=Stadt Wienn selbsten sich zugetragen / als auch von andern Orthen auß der ganzen Welt allda nachrichtlich eingeloffen. Die folgenden neun Seiten bestehen aus dicht bedrucktem Papier im "Gebetsbüchelformat" (ca. 16cm mal 20cm) und enthalten Nachrichten vom kaiserlichen Hof in Wien, Neuigkeiten aus anderen Ländern sowie Geburts- und Sterbelisten.

Ob Flecken oder Abrieb: Mit dem Entziffern unleserlichen Textes, wie dieser Sterbeliste im "Diarium" vom 5. Nov. 1712, mühen sich Mensch und Maschine ab.  - © Bild: ÖAW/WZ
Ob Flecken oder Abrieb: Mit dem Entziffern unleserlichen Textes, wie dieser Sterbeliste im "Diarium" vom 5. Nov. 1712, mühen sich Mensch und Maschine ab.  - © Bild: ÖAW/WZ

Nicht allein für die Academia bieten alte Gazetten einen Ausgangspunkt für historische Entdeckungsreisen. Schon seit Jahren überzeugt das ANNO-Projekt der Österreichischen Nationalbibliothek das geschichtsaffine Publikum, indem es eine Vielzahl alter Zeitungen und Zeitschriften online zur Verfügung stellt.

Diese digitalen Abzüge bildeten auch die Grundlage für die Arbeiten am "Digitarium". Im Zentrum stand die Frage, wie man den Datenschatz noch besser nutzbar machen könnte.

Denn bisher musste man eine Sache missen: Die zuverlässige Transkription der in Fraktur gedruckten Inhalte. Im Gegensatz zu dieser können Computerprogramme bekanntlich die lateinischen Buchstaben der heute gängigen Antiqua-Schrift geradezu fehlerfrei lesen. So kann der Text präzise durchsucht werden und dies erleichtert bzw. ermöglicht wiederum eine umfassende Indienstnahme der historischen Quelle durch diverse Fachrichtungen.

Das neu entstandene Konvolut kann nun von allen historisch Interessierten kostenlos durchforstet werden. In der Regel stehen derzeit fünf Ausgaben unseres Blattes pro Jahrgang zwischen der Gründung und dem Ende des 18. Jh.s bereit. Die hochauflösenden Abbildungen der Zeitungsnummern sind durch Transkripte ergänzt.

Handschrift statt Druck

Der Weg dahin gestaltete sich alles andere als einfach. Unsere Ahnen gaben nämlich den Automaten von heute eine harte Nuss auf. So sorgfältig die Lettern damals auch gesetzt wurden, so schwierig sind die Buchstaben in Fraktur für die digitalen Apparate auseinanderzuhalten.

Die auch für ungeübte Nachgeborene zum Verwechseln ähnlichen Typen (etwa k, s, und t) bringen selbst modernste Methoden der automatischen Texterkennung an ihre Grenzen. Erschwert wird der Vorgang durch die Veränderung der Schrift über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg sowie durch Alterserscheinungen der Papiervorlagen (siehe Bild unten). Das Ergebnis kann ein unlesbares Ungetüm aus Buchstaben und Sonderzeichen sein.

Den Ausweg fanden die Forscherinnen und Forscher um Dr. Resch überraschenderweise mithilfe von Handschriften. Denn die mit Feder zu Papier gebrachten historischen Briefe, Postkarten, Manuskripte und Dokumente beschäftigen die Disziplinen der sogenannten "Digital Humanities" schon länger. Erfolgreich wurden hier automatisierte Vorgänge zur Transkription entwickelt, die speziell auf Feinheiten von Handschriften abgestimmt sind. Sie erlauben etwa Variationen von Buchstaben.

Raffiniert wurde die Software für das "Digitarium" genutzt - Seite um Seite fütterte man das stets dazulernende Programm mit jahrhundertealten Nachrichten.

Digitale Leseschwäche

Wagen wir also den Schritt und tauchen in die digitalen Tiefen der Gazette ein.

Unter der Netzadresse
digitarium.acdh.oeaw.ac.at ist die Webseite des Forschungsprojekts abrufbar. Ganz oben links scheint in Versalien das Wort "DIGITARIUM" auf - ein Klick darauf führt zu momentan 332 wohlgeordneten Nummern unseres Blattes.

Aufschlussreich ist der Farbcode, der mehr zum Status der einzelnen Nummern verrät. Schon mehrmals korrigierte Vorlagen liegen mit dunklem blau-grünem Rahmen vor, während noch unredigierter, rein automatisch erstellter Text von einem hellen grauen Ton umschlossen ist. Ist das Original großteils unversehrt, leistet das Programm, das inzwischen unzählige Feinheiten erkennt, Erstaunliches. Dennoch werden auch Schwächen der Technik sichtbar.

Etwa bei der hellgrau unterlegten Nro. 1246 aus 1715: Kaum ein Wort ist der völlig verblassten Vorlage zu entnehmen. Aus den ersten Zeilen des Zeitungskopfes: Enthaltend alles das jenige / was (...) in dieser Residenz=Stadt Wien (...) sich zugetragen wird ein kauderwelsches "Enlhaltendallehadjenigelwuas (...) in dieser Mesdenz=GtadtWsen (...) zugelragenz;".

Wen das Entzifferungsspiel nicht lockt, der wechselt rasch zu einer der vielen bereits korrigierten Ausgaben. Selbst wenn hier die Vorlage zu wünschen übrig lässt, lädt das Transkript zum entspannten Blättern und Suchen ein.

Im "Digitarium" stöberte Christina Krakovsky