Es war einmal ein junger Kirchenmann, der "nichts lieber getan hätte, als sein Leben . . . als Mönch" zu verbringen, in einer Abtei fernab von den Konflikten der Mächtigen seiner Zeit, so Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ. Doch er hatte das Pech, "allzu nah mit dem Herrscherhaus . . . verwandt" zu sein - und so wurde nichts aus seinem Plan.

Fluch und Segen einer "hohen Geburt" erfuhr Otto von Freising (um 1112-1158; hier auf einem fiktiven Porträt des 17. Jahrhunderts) am eigenen Leib.  - © Bild (Ausschnitt): Stiftsmuseum Klosterneuburg
Fluch und Segen einer "hohen Geburt" erfuhr Otto von Freising (um 1112-1158; hier auf einem fiktiven Porträt des 17. Jahrhunderts) am eigenen Leib.  - © Bild (Ausschnitt): Stiftsmuseum Klosterneuburg

Die Rede ist vom Babenberger Otto von Freising, dessen Lebensweg die Gemeine anlässlich der kleinen Nuss Nro. 401 verfolgte. Das Jahr der Geburt, das man mit 1112 annimmt, ist nicht gesichert, so Manfred Bermann, Wien 13; fix ist jedoch der Ort, an dem er das Licht der Welt erblickte: Klosterneuburg bei Wien.

Als Sohn des späteren Stiftsgründers Markgraf Leopold III. wurde Otto mitten in die politischen Wirren der Babenberger-Ära hineingeboren. Seine Mutter Agnes, so Christine Sigmund, Wien 23, war "Tochter Kaiser Heinrichs IV." Sie bekam "18 Kinder, von denen allerdings nur elf überlebten".

Die Teilfrage, wer Ottos Geschwister waren, beantwortet Gerhard Toifl, Wien 17, exemplarisch: Seine Brüder waren Leopold IV., Herzog von Bayern, Heinrich II., Herzog von Österreich, Konrad II., Erzbischof von Salzburg. Aus der ersten Ehe seiner Mutter stammt "Halbbruder . . . König Konrad III."

Übrigens: In Nro. 401 bezeichneten die Zeitreisen Konrad fälschlich als Kaiser; diese Würde erlangte er aber nie. Pardon und besten Dank für den Hinweis an Gesandten i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10!

Aristoteles in Paris

Otto war, so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, "fünfter Sohn" und "schon als Kind" für "eine hohe geistliche Laufbahn bestimmt."

Brigitte Schlesinger, Wien 12: Sein Vater schickte ihn um 1127 nach Paris und Chartres (ca. 100km südlich der Hauptstadt), wo er "bei den berühmtesten Gelehrten seiner Zeit" studierte, u.a. "Hugo von Saint-Viktor und Gilbert von Poitiers". Im "intellektuellen Laboratorium" Paris war damals die "wiederentdeckte Philosophie des Aristoteles" en vogue, wobei man zu "lateinischen Übersetzungen" oder den "Kommentaren des . . . muslimischen Philosphen Ibn Ruschd, genannt Averroes", griff.

Neben den Lehren des Peter Abaelard prägte den jungen Otto ein weiterer Intellektueller, den Herbert Beer, Wolfpassing, nennt: Bernhard von Clairvaux, "der große Gegner Abaelards" und "Leitfigur einer neuen mönchischen Reformbewegung", den Zisterziensern. Auf der Rückreise aus Paris trat Otto 1132 in ein Kloster des Ordens, das lothringische Morimond, ein. Das gemeinschaftliche Leben, bestehend aus "Beten, Lesen und Arbeiten", gefiel ihm.

Von der ca. 100km nordöstlich von Dijon gelegenen Abtei aus regte Otto bei seinem Vater die Gründung des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz an. Wie Prof. Helmut Bouzek, Wien 13, ergänzt, wurde Otto 1138 Abt von Morimond. Durch seinen Halbbruder König Konrad III. wurde er "kurz danach, noch 1138, auf den Bischofsstuhl von Freising berufen."

Er folgte in dieser Funktion dem 1137 verstorbenen Heinrich I. Dieser war, wie bereits zitierter Spurensucher Dr. Litschauer angibt, bei einer "Versammlung im Stift Melk" am "25. Dezember 1119" zugegen gewesen: "Leopold III. und zahlreiche Adelige der Markgrafschaft Österreich regelten bei dieser Zusammenkunft die kirchlichen Besitzrechte der Klöster und Pfarren in ihren jeweiligen Machtbereichen".

Lästige Pflichten

Zu dem "um 738" gegründeten Bistum informiert Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7: Das bayrische Freising war im 8. und 9. Jh. "politisches Zentrum . . ., aber auch Missions- und Kulturzentrum mit bedeutender Schreibstube" gewesen. Als Otto sein Amt antrat, war Freisings Bedeutung gesunken. Mit dem Babenberger "beginnt eine neue Blütezeit."

Von den verstreuten Ländereien des Bistums nennt Brigitta Born, Bernhards-thal, ein wichtiges Beispiel: Bis "1802 waren Stadt und Herrschaft Waidhofen/Ybbs im Besitz des Hochstiftes." Auch Gebiete im heutigen Kärnten, Tirol, Slowenien oder entlang der Donau gehörten zu Freising.

Zitierter Tüftler Prof. Bouzek kurz: Es war ein rechter "Fleckerlteppich".

Einen besonderen Schatz erwähnt Volkmar Mitterhuber, Baden: Mit "mehr als 200 Hektolitern Ertrag verfügte Freising über den größten Weingartenbesitz der Wachau."

Auch in Wien war das Bistum vertreten, so Dr. Peter Schilling, Wien 18: "Am Graben (29/29a, heute Neubauten)" gab es "einen Freisinger Hof. Er war . . . Verwaltungszentrale für die Bewirtschaftung der Besitzungen des Hochstiftes in der Umgebung von Wien (auch auf dem Graben selbst hatte Freising größeren Grundbesitz). Für Freisinger Bischöfe, Beamte und diplomatische Vertreter war er Absteigequartier bei Wien-Besuchen. 1773 wurde er an den Hofbuchhändler Johann Thomas Trattner versteigert, durch ein Miethaus (Trattnerhof) ersetzt, das 1911 abgerissen wurde."

Damit wieder zu Otto, auf den als Bischof einige Herausforderungen zukamen: "Als geistlicher Reichsfürst", so Dr. Karl Beck, Purkersdorf, wurde er in die "Angelegenheiten des Reiches und seines Hochstiftes gezogen." Er geriet zwischen die Fronten der Welfen, Staufer und Babenberger.

Eine katastrophale Erfahrung in Ottos Leben bringt Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, aufs Tapet: Der Zweite Kreuzzug 1147ff, dem sich der spätere Kaiser Friedrich und "notgedrungen auch Bischof Otto", dessen Onkel, anschlossen. Die meisten Kreuzfahrer "sollten die Heimat nicht wiedersehen, Otto war einer der wenigen Glücklichen."

Erfolgreicher verlief das Jahr 1156: Damals spielte Otto als Vermittler eine Rolle bei "Österreichs Geburtsstunde als . . . Herzogtum", so Dr. Heribert Plachy, Wien 7. Dazu Dr. Alfred Komaz, Wien 19: Er wirkte darauf hin, "dass sein Bruder, . . . Heinrich II. Jasomirgott . . . das Herzogtum Bayern, wie von Kaiser Friedrich Barbarossa gewünscht, an Heinrich den Löwen zurückgab, sich dafür aber die Unabhängigkeit seiner Markgrafschaft" und deren Umwandlung in ein Herzogtum ausverhandelte.

Abgesehen von seinem Einfluss auf die Politik gilt Otto "als bedeutendster Geschichtsschreiber des Mittelalters", informiert Maria Thiel, Breitenfurt; auf ihn geht auch "die Benennung seiner Familie als "Babenberger" . . . zurück." Dies verweist auf Wurzeln im fränkischen Bamberg.

Chronist des Kaisers

Seine Herkunft verschaffte ihm einen Vorteil, den Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, erwähnen: Zugriff zu "Dokumenten und Informationen in Geschichte und Politik".

Seine zwei großen Werke nennt Johann Tischer, Muckendorf/Donau: "Chronica sive Historia de duabus civitatibus" und "Gesta Friderici I. imperatoris".

In der 1146 fertiggestellten "Chronik oder Geschichte der zwei Reiche", so der übersetzte Titel, wird, wie Mathilde Lewandowski, Payerbach, informiert, "die Weltgeschichte gedeutet als der Kampf zwischen zwei Reichen" - dem "des himmlischen Jerusalem und . . . des vom Teufel beherrschten Babylon." Otto schließt mit der Ansicht, dass die Welt sich "nun ihrem Ende" nähere.

Die erwähnte Schrift über die Taten Kaiser Friedrichs entstand in Barbarossas Auftrag, so Ing. Helmut Penz, Hohenau/ March. Sie blieb unvollendet. Otto starb 1158, keine 50 Jahre alt und doch schon seit längerer Zeit krank und gebrechlich, dort, wo er gerne sein Leben verbracht hätte: in Morimond.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner