Los geht’s, liebe Zeitreisende! Gleich sind wir auf dem Weg nach Grönland, um bald durch den Süden der größten Insel der Erde zu ziehen! Denn unsere Zeitmaschine, das Archiv der guten alten "Wiener Zeitung", ließ uns über Umwege im Jahre 1888 landen. Bei einem noch nicht volle 27 Lenze zählenden Forscher, der ein bisschen wie ein Wikinger wirkt und Großes vorhat. Vor allem aber ist der Hüne, der weiß, was er will, durch und durch verlässlich.

Als Gäste dieses Mannes steigen wir Gemeine-Mitglieder im Juni vor 132 Jahren hinunter in die Kajüten des Schiffes "Jason", das uns an Ort und Stelle bringen wird. Warum im Juni? Um danach in günstigster Zeit, in der kurzen Sommerperiode, über grönländischen Boden zu wandern - und die im hohen Norden gelegene Insel erstmals zu durchqueren. Wenn alles gut geht und die Natur dem Vorhaben nicht einen Strich durch die Rechnung macht...

Wir Zeitreisende müssen im Übrigen nicht die ganze Tour mitmachen. Ein Stück der Route durchs ewige Eis möchten wir uns freilich nicht entgehen lassen; bei der Pioniertat des (pst, der Titel ist noch nicht offiziell!) Doktor Fridtjof Nansen die Zaungast-Rolle zu spielen, wäre wunderbar.

Daher haben wir uns mit warmer Kleidung eingedeckt und fest(est)es Schuhwerk eingepackt. Hunger brauchen wir auch nicht zu leiden. Der Expeditionsleiter - promovierter Zoologe, doch ebenso Menschenkenner par excellence - hat ansehnlichen Vorrat an Arktis-erprobter Nahrung gestapelt: Hartes Fladenbrot, Butter, Fleischpulverschokolade, Käse, Leberpastete und Erbsensuppenpulver.

Abwehr eines Eisbären durch Ureinwohner in Alt-Grönland; auch Nansen traf auf manches der Tiere. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Abwehr eines Eisbären durch Ureinwohner in Alt-Grönland; auch Nansen traf auf manches der Tiere. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Einige aber im wackeren Gemeine-Team streiken beim Essen. Nur unter uns: Ihnen missfällt die Pulvermixtur; der schon als Bub heiklige Zeitreisenschreiber meint zudem, die Leberpastete schmecke nach dem verhassten Lebertran. Wie es sich für eine verschworene Gemeinschaft gehört, wird das alles mit Humor genommen. Die lieben Feinschmecker haben sich eben an Butterbroten zu delektieren.

An dieser Klippe soll unsere Grönland-Visite also nicht scheitern, dafür am - Eisgürtel vor der Insel. Die "Jason" kann nicht anlegen. Die sechs Männer der Nansen-Expedition klettern von Bord und kämpfen sich lange Zeit ans Land durch.

Wir jedoch fahren übers tosende Meer zurück.

Unsere Zeitreise setzen wir mit Zeilen vom 28. Juni 1889 in der "WZ"-Spätausgabe "Wiener Abend- post" fort, die ins Jahr 1888 zurückblicken. Wir folgen nämlich dem Vortrage Dr. Fridtjof Nansens, gehalten vier Tage zuvor in der geographischen Gesellschaft zu London (...) über seine Reise durch Grönland.

Dazu einige Daten: Am 17. Juli 1888 hielt das Schiff "Jason" ca. 20km vor der Küste, eine Eisbarriere verhinderte weitere Annäherung. Nansen und seine fünf Begleiter nahmen Boote, um über eisfreie Kanäle an Land zu kommen. Die Fahrzeuge wurden abgetrieben, gerieten durch Eisdruck in Gefahr. Erst am 11. August wurde die eigentliche Expedition möglich - entgegen Planung zu weit südlich und für die Witterung zu spät.

Trotzte dem Eis: die "Fram". - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Trotzte dem Eis: die "Fram". - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Doch die Männer fuhren auf ihren Skiern weiter: Anfangs September befanden sie sich in einer 9000 Fuß über dem Meere liegenden Gegend. Zwei Wochen zogen sie über ein ödes Eisplateau. Temperatur: bis minus 90 Grad Fahrenheit (= fast minus 68 Grad Celsius).

Für die Gruppe war diese Strecke die gefährlichste. Es gab Stürze in sogenannte Risse im ewigen Eis. Aufatmen konnte man am 24. September 1888. Die Expedition erreichte - so unser Blatt über Nansens Vortrag weiter - eine eisfreie Zone an der Westküste und später den Fjord Ameralik. Danach zimmerte man u.a. aus Schlitten ein kleines Boot, das Nansen und den Kameraden Otto Sverdrup zum 50 englische Meilen entfernten Godthaab (Hauptort Grönlands) brachte. Mit ausgesandten Booten kamen die bei Ameralik wartenden vier Gruppenmitglieder am 12. Oktober in den Ort nach.

Um diese Zeit gab es keine Schiffsverbindung zum Festland mehr. So lernten die Grönland-Durchquerer sieben Monate lang von den Ureinwohnern, wie man im Gebiet der Arktis überlebt - unersetzliches Wissen für spätere Forschungsreisen.

Nach der Rückkunft in seine Heimat Norwegen im Mai 1889 befasste sich Nansen viel mit Theorie. Der Beweis des Daseins eines ungeheuren schildähnlichen Eiscaps sei gelungen, sagte er im Londoner Vortrag. Nun könne man Licht in die Gletscherperiode bringen.

Auch eine Schiffskon-struktion beschäftigte ihn: Er erfand ein Fahrzeug, das vom Eis nur gehoben und nicht zerdrückt wurde. Mit Hilfe dieses Wunderwerks namens "Fram" sollte der Skandinavier auf seiner Nordpolexpedition 1893- 1896 so weit Richtung Pol vorstoßen wie bis dahin kein Mensch zuvor.

Kopfnuss: Steckt im Wort "Arktis" der (Eis-)Bär? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)