Der Spartaner Lysander befehligt die Schleifung der Festung - mit musikalischer Untermalung. - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Der Spartaner Lysander befehligt die Schleifung der Festung - mit musikalischer Untermalung. - © Bild: Archiv/gemeinfrei

So manchem Herrscher glänzen die Augen, wenn er an die Errichtung langer Mauern denkt. So ein Bollwerk ist immerhin ein stattliches Machtsymbol. Welche Ziele gewiefte Staatsmänner jedoch mit dem Bau eines Walls verfolgen können, belegt die Gemeine mit ihren Recherchen zur Rubrik KARTEN GELESEN der Nro. 404. Abgebildet war ein Plan, der Athen und den knapp zehn Kilometer westlich gelegenen Hafen Piräus um 400 v. Chr. zeigt. Sofort fielen ausgedehnte Schutzwälle auf, die diese beiden Orte mit einem Korridor verbanden; diese Befestigung war Thema der Spezialfragen.

Ein martialisches Vorspiel geben die ab 490 v. Chr. tobenden Kriege, in denen das Perserreich die Griechen unterwerfen wollte. Die Hellenen gingen zwar 479 v. Chr. siegreich hervor, doch Athen lag samt seiner alten Stadtmauer in Trümmern, so Dr. Manfred Kremser, Wien 18. Das kam den "mächtigen Spartanern" gelegen. Sie boten "ihren Schutz auf dem Peloponnes an". Im Gegenzug sollte die Metropole unbefestigt bleiben.

Dem trat Feldherr Themistokles (ca. 524-459 v. Chr.) energisch entgegen, so Dr. Karl Beck, Purkersdorf. Er drängte die Bevölkerung zur Tat. Eilig schleppte man Steine und baute Wälle, die die Stadt umschlossen und sogar bis zu den Hafenanlagen reichen sollten. Herbert Beer, Wolfpassing, dazu: Damit war der erste Schritt getan, um die Kapitale "in eine uneinnehmbare Festung mit Zugang zum Meer und allen ... Handelsgütern" zu verwandeln.

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10: "Um 460 v. Chr. begann - unter der Führung des Perikles (um 490-429 v. Chr.) - die Abschlussphase der Bauarbeiten. Eine Mauer ... führte nördlich der Straße" zum neuen Hafen Piräus, "die andere zur Reede ... in Phaleron", der alten Anlegestelle. In dieser ca. 5 km südlich von Athen gelegenen Siedlung befand sich bis ins 5. Jh. dessen einziger Ankerplatz. Perikles ergänzte den Plan des Themistokles um "eine dritte Mauer (die "Mittelmauer")", die fast "parallel zur Nordmauer" verlief, also den Weg "zwischen Athen und Piräus" einfasste.

Ausgeschlossen

Auf der in Nro. 404 abgedruckten Karte sind diese unmittelbar nebeneinander liegenden Schutzwälle zu sehen, die den schlichten Namen "lange Mauern" erhielten - bzw. "The Long Walls", wie es dort in englischer Sprache heißt. Die ebenfalls eingezeichnete "Peninsula of Munychia" beschäftigte Volkmar Mitterhuber, Baden: "Das antike Peiraieus bzw. das heutige Piräus war ... nicht nur der Name der Hafenstadt", sondern auch der gesamten "bergigen Halbinsel". Dort befindet sich der "Hügel Mounychia (heute Kastella)", namengebend für eine der drei "tief eingeschnittenen" Buchten, die als Ankerplatz dienten.

Wie ein Korridor reichten die "langen Mauern" von Athen in die Hafenstadt Piräus (im Vordergrund). Zentral im Bild sieht man die nördliche Mauer und die "Mittelmauer", die eine Straße säumen. Im Hintergrund rechts ein Stück der südlichen Mauer, die die Kapitale mit ihrer alten Anlegestelle, Phaleron, verband.  - © Bild: John P. Mahaffy, 1890. Repro: Ph. Aufner
Wie ein Korridor reichten die "langen Mauern" von Athen in die Hafenstadt Piräus (im Vordergrund). Zentral im Bild sieht man die nördliche Mauer und die "Mittelmauer", die eine Straße säumen. Im Hintergrund rechts ein Stück der südlichen Mauer, die die Kapitale mit ihrer alten Anlegestelle, Phaleron, verband.  - © Bild: John P. Mahaffy, 1890. Repro: Ph. Aufner

In alten Werken wird dieser Teil der Peninsula mitunter als die munychische Halbinsel bezeichnet.

Welche Gebäude und Gebiete genau sich außerhalb der Mauern befanden, ist unterschiedlich überliefert. Gerhard Toifl, Wien 17, folgte dem Plan. Nordwestlich von den Stadtmauern Athens lag ein "dem Apollon Lykeios geweihter Hain". Unweit davon konnten Knaben den Lehren des Antisthenes (445-360 v. Chr.) folgen. Der Schüler des Sokrates unterrichtete im Kynosarges, einem der "drei Gymnasien im antiken Athen". Der nahe Stadtteil Kerameikos, das "Zentrum der attischen Keramikproduktion", befand sich mitsamt Friedhof auch außerhalb des Schutzwalls.

Ebenso die spätere Platonische Akademie, wobei das Grundstück vermutlich erst 387 v. Chr. von dem Philosophen gekauft wurde. Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, setzt fort: "Etwa siebenhundert Meter weiter" lag "der Hippeios Kolonos (Pferdehügel) mit dem Hain der Erinyen sowie ein Tempel des Poseidon Hippeios, Gott des Meeres und Schutzgott der Pferde."

Brigitte Schlesinger, Wien 12, widmete sich dem Ort Coele bzw. Koile (altgriechisch für Talgrund), nordöstlich von Athen. Ganze Abhandlungen wurden über dessen Lage geschrieben mit dem Ergebnis, dass er wohl eher im Westen Athens lag. Außerdem erwähnt die Tüftlerin Echelidae, "eine altgriechische Ortschaft südlich von Athen". Ob der dazugehörige "Tempel des Echelus" wirklich existierte, ist allerdings fraglich.

Wechselhafte Historie

Damit zurück zum Mauerwerk: "Die Feindseligkeiten zwischen Sparta und Athen führten letztendlich - von 431 bis 404 v. Chr. - zum Peloponnesischen Krieg", notiert erwähnter Tüftler Dr. Kremser.

Der "spartanische Flottenführer Lysander (gest. 395 v. Chr.)" belagerte schließlich Athen, so Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7. Friedensbedingung war "die Schleifung der langen Mauern" - ein für Spartaner freudiges Ereignis, das sie tanzend und musizierend begleiteten.

Der griechische Kriegsstratege Konon (vor 444- 390 v. Chr.) suchte indes bei den Persern, den Feinden Spartas, Verbündete. Sein Plan ging auf: 394 v. Chr. konnte die Seemacht Sparta in der Schlacht von Knidos niedergerungen werden. Kurz darauf errichtete Konon das Bollwerk zum Teil neu, wie Dr. Harald Jilke, Wien 2, festhält. Übrigens: Mit Geld der Perser.

Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ, kommentiert: An der Historie der "langen Mauern kann man sehr schön die Wechselfälle der griechischen Geschichte ablesen. Gebaut wurden sie zum Schutze gegen die Perser, nach der Zerstörung durch die Spartaner wurden sie mit persischer Hilfe wieder aufgebaut."

Zum jähen Ende der Befestigung kommen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram: Im ersten "Mithridatischen Krieg" (89-85 v. Chr.) wurden die Mauern durch den römischen Kriegsmann "Sulla (um 138-78 v. Chr., Anm.) ... niedergerissen." Diesmal für immer.

P.S. Der Buchpreis geht an Dr. Karl Beck. Herzliche Gratulation!

Zusammenstellung dieser Rubrik: Christina Krakovsky