Eine in Viertel geteilte, ummauerte Siedlung besuchten die Zeitreisenden für Recherchen zur Orchidee der Nro. 406. Die Rede ist vom mittelalterlichen Wien. Die Namen der Stadtteile listet Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, auf: "Widmer-, Kärntner-, Schotten- und Stubenviertel" (siehe Plan). Sie "waren nach den Haupttoren" der Befestigungsmauer benannt, die ab 1200 errichtet wurde. Erstmals erwähnt werden die Viertel, so Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ, "um 1331/32" in Unterlagen "des herzoglichen Rechnungsamtes".

Feuer, Krieg & Steuer

Maria Thiel, Breitenfurt: "Die Stadtviertel waren . . . Sprengel für das militärische Aufgebot der Bürger, . . . Einhebung der städtischen Steuern" u.v.m.

Truppenaufstellung im Stubenviertel auf einer Darstellung der ersten Türkenbelagerung ("Meldemann-Plan", 1530). - © Bild (gemeinfrei): Archiv
Truppenaufstellung im Stubenviertel auf einer Darstellung der ersten Türkenbelagerung ("Meldemann-Plan", 1530). - © Bild (gemeinfrei): Archiv

Auch "bei Feuersgefahr hatte man sich", wie Dr. Alfred Komaz, Wien 19, recherchierte, an bestimmten Orten einzufinden. Bei der Aufteilung war deshalb "dafür gesorgt worden, dass im jeweiligen Viertel ein entsprechend großer Platz zur Verfügung stand." Aus der "Wiener Feuerordnung" von 1534 zitiert Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf: In "angezeigten Nöthen" sollten "alle und jede Bürger, so dem Feuer nicht nahe gesessen, noch in ihren Häusern mit Gästen überladen sind", sich an den vorbestimmten Plätzen einfinden. Sie sollten sich "daselbst enthalten so lang und so viel, bis sie von der Obrigkeit abgefordert oder an andere Orte beschieden werden". Ansonsten droht Bestrafung "nach Ungnaden".

Das Alarmsignal war, so Dr. Herbert Peherstorfer, Wien 3, eine "Glocke von St. Stephan". Im 1433 fertiggestellten Südturm wurde, wie Mathilde Lewandowski, Payerbach, notiert, eine "Brandwache eingerichtet", die Feuer "bei Tag durch eine rote Fahne, nachts durch eine Laterne" anzeigte.

Wo die Bürger in Notfällen zusammenkamen, listen Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen/ Horn, und Dr. Karl Beck, Purkersdorf, auf: Jene des Kärntnerviertels am Neuen Markt, die des Schottenviertels Am Hof, die des Stubenviertels am Lugeck, und auf dem Graben versammelten sich die Menschen aus dem Widmerviertel.

Zu diesem fand Christine Sigmund, Wien 23, heraus: Es erhielt seinen "Namen vom Witmarkt", also "Kohlmarkt", abgeleitet vom altdeutschen "wit" für Holz bzw. Kohle. Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, hilft bei der Verortung des Widmertores: Es "lag etwa an Stelle des heutigen Durchgangs vom Heldenplatz in den Inneren Burghof."

Bürgerpflicht: "Zirk"

Mit dem Stadtrecht wurden an die freien Bürger nicht nur Rechte, sondern auch Aufgaben übertragen. Dr. Peter Schilling, Wien 18, mit Details: Neben Feuerbekämpfung und Truppenbereitstellung war die "Wacht" verpflichtend, also "Wache auf den Mauern und Toren". Vereinzelt gaben Bürger Dienste gegen Geld an andere ab. Wie Brigitte Schlesinger, Wien 12, anmerkt, wurden "ab 1498 vier Torwächter regelmäßig das ganze Jahr besoldet".

Zum Wachtdienst gehörte, so Spezialnussknackerin Schlesinger weiter, auch die "Zirk", also Kontrollrundgänge innerhalb der Mauern. "Wien besaß im 14. Jh. keine eigens ausgewiesene Polizeitruppe." Aber "auch dieser Aufgabe entledigten sich die Bürger allmählich". 1540 wurde eine "Tor- und Nachtwache" geschaffen. Weiters musste "Robot", also "Arbeitsleistung zur Errichtung und Instandhaltung der Stadtbefestigung", entrichtet werden - auch von Nachbarn: "Wien war in Krisenzeiten . . . eine "gewaltige Fluchtburg" für die Menschen aus den umliegenden Dörfern . . ., darunter bekannte Weinorte", z.B. Grinzing oder Sievering.

Dazu ergänzt Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "Siedlungen außerhalb der Stadtmauern, sogenannte Lucken" (z.B. Kumpf- und Schaufellucke), waren "nur teilweise verbaut" und hatten "Verbindungen mit dem Stadtkern".

Mit der Zeit vergrößerte sich Wien "immer mehr über die Ringmauer hinaus", notiert Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz. So wurde "1444 die Kompetenz der Viertel auf die außerhalb angrenzenden Vorstädte ausgedehnt." Mit zunehmendem Wachstum, erwähnt Volkmar Mitterhuber, Baden, wurden "1663 . . . die bestehenden Stadtviertel (vorübergehend, Anm.) halbiert, sodass es nun vier alte und vier neue . . . gab" und "dementsprechend acht Kompanien der Bürgerwehr." Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, notiert, dass "mit der Stadterweiterung von 1850" die Einteilung verschwand.

Der erste Bürgermeister Wiens, der eine "ungeviertelte" Innenstadt regierte, war der 1851 gewählte Dr. Johann Kaspar von Seiller (s. Bild). Er selbst war Bürger des Widmerviertels, wo er in der Dorotheergasse seinen Wohnsitz und seine Rechtsanwaltskanzlei hatte.

Viertelmeister

Im Mittelalter wurde pro Stadtteil, wie Neotüftlerin Liane Bosch, Wien 8, anmerkt, ein "Viertelmeister" bestellt. Dieser "war eine angesehene Person mit guten Orts- und Bürgerkenntnissen", sorgte für Ruhe und schlichtete "kleinere Streitigkeiten". Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, werfen ein, dass Viertelmeister auch "zum Beispiel für die Beleuchtung" in ihrem Sektor zuständig waren.

Bei größeren Rechtsfragen war der Stadtrichter zuständig. Zu diesem führt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, aus: In seinen Händen lag die "oberste Gewalt in Wien". Er wurde "vom Landesfürsten ernannt". Bis zur Einführung der Stellung eines Bürgermeisters (offiziell erstmals im Stadtrecht von 1340) hatte der Stadtrichter "auch den Vorsitz bei Verhandlungen des . . . Stadtrates, der höchsten Verwaltungs- und Verfassungsinstanz, inne."

Dicht bebautes Wien auf Ansicht um 1470.  - © Bild: Archiv/gemeinfrei
Dicht bebautes Wien auf Ansicht um 1470.  - © Bild: Archiv/gemeinfrei

Dieser zeitweise sogenannte Innere Rat wurde, wie Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, festhält, aus dem "Genanntenkollegium" gewählt. "Jeweils 12 Genannte wurden vom Stadtrichter als Beisitzer zu Gerichtsverhandlungen berufen." Bei einigen Rechtsangelegenheiten mussten bis zu 23 Genannte als Zeugen aufgebracht werden.

Details zum Gremium liefert Manfred Bermann, Wien 13: Es bestand aus "qualifizierten" Wienern, die "auf Lebenszeit ernannt" wurden. Das heißt "nur angesehene Bürger, Gewerbetreibende, (hausbesitzende) Handwerker, aber keine sogenannten einfachen Leute."

Im "Kreis von 100 (ab 1340 dann 200)" Auserwählten waren, wie Harry Lang, Wien 12, notiert, "grundsätzlich die vier Stadtviertel" und die "Vorstädte gleichmäßig vertreten." Die Zahl der Genannten, die im Bedarfsfall auch erweitert werden konnte, richtete sich nach der Bevölkerungsanzahl. Für das mittelalterliche Wien sind kaum Daten vorhanden. Schätzungen liegen für Stadt und teilweise Umland bei 25.000 Einwohnern für die Mitte des 15. Jhds.

Herbert Beer, Wolfpassing, merkt an, dass "nach dem Stadtrecht von 1517" die damals 200 Genannten "jeweils am 21. Dezember die Räte und den Bürgermeister" wählten. Andererseits "fiel es dem Rat und dem Bürgermeister zu, die Genannten auf die erforderliche Zahl zu ergänzen", z.B. im Todesfall.

Die bereits zitierte Neozeitreisende Bosch erläutert, dass die Namen der Genannten "veröffentlicht, also "genannt"" wurden und "für jeden einsehbar" waren. Als Teil der Stadtverwaltung hatten sie unter anderem auch "die Aufsicht über die Gasthäuser" und "die in der Stadt weilenden Fremden" inne.

Das Gremium wurde, wie Monika Rauch, Wien 17, ausführt, mit der "Genanntenglocke" zu Versammlungen ins Rathaus bestellt.

Enthauptete Opposition

Das Ende des Gremiums kam im Machtstreit zwischen Stadt und Landesherrn. In Wien hatte sich ab 1519 eine Opposition gegen mehr kaiserliche Einflussnahme geformt. Martin Siebenbürger (1475-1522) war in seiner kurzen Zeit als Bürgermeister ab 1521 Teil dieser Bewegung. Dazu Gerhard Toifl, Wien 17: Landesherr Erzherzog Ferdinand reiste "nach Wiener Neustadt ohne Wien zu berühren", um den Revolutionären den Prozess zu machen. Siebenbürger wurde im "Wiener Neustädter Blutgericht" zum Tode verurteilt und enthauptet.

Zwischen den einstigen Wiener Stadtvierteln und Karl Valentin (1882-1948) zieht der bereits erwähnte Zeitreisende Dr. Kremser eine augenzwinkernde Parallele: In Valentins - in verschiedenen Versionen vorliegender - Verkehrsordnung sollten u.a. montags in ganz München nur Radfahrer, dienstags Autos und tags darauf Droschken fahren dürfen. In einem "kaiserlichen Patent" aus 1738 heißt es: "Die Straßenkehrung sollte montags im Widmerviertel, dienstags im Schottenviertel, donnerstags im Kärntnerviertel und freitags im Stubenviertel durchgeführt werden". Mittwoch und Samstag waren für Gebiete außerhalb der Stadtmauern reserviert.

P.S. Recherchen zur Zusatzorchidee zu anderen Vierteln, u.a. von Mag. Susanna Michner, Wien 9, werden in einem Monat präsentiert werden!

Zusammenstellung dieser Seite: Barbara Ottawa