Mit gehisster Totenkopfflagge sticht das Zeitreisenschiff zu einem abenteuerlichen Streifzug durch das Mittelmeer in See. Die kleine Nuss Nro. 403 führte die Gemeine ins Fahrwasser von Piraten, Freibeutern, Seeräubern, wobei die Übergänge fließend waren. Welche Gefährte für eine solche Ausfahrt zu empfehlen sind, erläutert Dr. Karl Beck, Purkersdorf: Etwa "kleine Ruderboote" mit acht oder mehr Ruderern, wie sie die Uskoken (zu ihnen später mehr) verwendeten. Oder die von den Vitalienbrüdern (vgl. Nro. 401) bevorzugte "einmastige Schnigge, die sehr schnell war".

Als Inspiration für Verhaltensregeln an Bord des Zeitreisenkahnes bringt Gerhard Toifl, Wien 17, Beispiele aus den "Articles of Agreement", die unter Bartholomew Roberts, einem berüchtigten Piratenkapitän des 18. Jh.s, galten: Keine Karten- oder Würfelspiele um Geld; Kanonen, Pistolen und Säbel sind sauberzuhalten und alle Lichter um acht Uhr abends zu löschen. Wer danach "weitertrinken will, muss das am Oberdeck tun".

Ans Kreuz geschlagen

Eine "verblüffende Erkenntnis" machte Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, mit Blick auf den "Beginn der Literaturgeschichte des Okzidents". Diesen markieren "zwei Hohelieder der Piraterie: die "Ilias" und die "Odyssee"", angefangen mit der "guten alten Tradition" des Brautraubs (samt Besitztümern des Opfers). Immer wieder stößt man in den Epen auf Textstellen, die zum Thema passen, z.B. im 9. Gesang der "Odyssee": "Da verheert’ ich die Stadt, und würgte die Männer. / Aber die jungen Weiber und Schätze teilten wir alle / Unter uns gleich, dass keiner leer von der Beute mir ausging."

"Es verschwimmt in der Antike die Grenze zwischen Piraten und Kaufleuten", so Dr. Zemann, war doch "der Beutekrieg nicht nur im Epos, sondern auch in der Realität eine übliche Erwerbsform."

Rom kämpfte ebenfalls mit ausufernder Piraterie. Ing. Helmut Penz, Hohenau/March: "Vom 2. Jh. v. Chr. bis zu ihrer Unterwerfung durch Gnaeus Pompeius Magnus" um 67 v. Chr. machten die Kilikischen Seeräuber "v.a. das östliche Mittelmeer" unsicher.

Antike Seeräuber mit Beute.  - © Bild: NYPL/gemeinfrei
Antike Seeräuber mit Beute.  - © Bild: NYPL/gemeinfrei

Eines ihrer prominenten Opfer nennt Martha Rauch, Wien 14, die im "Brockhaus" (1884) nachschlug: 75 v. Chr. "reiste Julius Cäsar nach Rhodus" und wurde "auf der Fahrt . . . von Seeräubern gefangen" genommen. Wie Michael Chalupnik, Sieghartskirchen, fortsetzt, verschleppte man ihn "auf die Insel Pharmakussa vor der Küste Kilikiens in der Nähe von Milet. Die Piraten forderten zwanzig Talente Silber Lösegeld. Caesar war empört und erklärte laut Überlieferung, er sei mindestens fünfzig Talente wert."

"Über die "Preisgestaltung" für gekidnappte Menschen" damals las Dr. Peter Schilling, Wien 18, beim Althistoriker Wolfgang Will nach, der 1992 eine Kaufkraftschätzung anstellte: Für 50 Talente "wären ca. 75.000 Ferkel zu kaufen gewesen."

Dr. Alfred Komaz, Wien 19, ergänzt, dass Cäsar "in den 38 Tagen seiner Gefangenschaft . . . seine Bewacher eher wie seine Leibgarde angesehen und behandelt" und "sie mit selbst verfassten Gedichten und Reden "unterhalten" haben" soll. "Als ihnen diese nicht gefielen, soll er sie mit der baldigen Hinrichtung bedroht haben".

Dr. Harald Jilke, Wien 2: "Kaum war er frei, rüstete er rasch im Hafen von Milet eine kleine Flotte aus und setzte seinen Entführern nach." Die Piraten, die er aufgriff, ließ er "ans Kreuz schlagen". Überliefert wurde die Geschichte (in unterschiedlichen Varianten) von den Autoren Velleius Paterculus, Sueton und Plutarch.

Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ, warnt davor, die Anekdote für bare Münze zu nehmen, hält die Erhöhung des Lösegeldes aber für möglich, hat der spätere Staatsmann doch "nie unter einem Minderwertigkeitskomplex gelitten".

Teufel auf hoher See

Mit einer weiteren berühmten Geisel von Seeräubern, die Tüftler Freiler nennt, segeln wir ins 16. Jh.: Der spätere "Don Quijote"-Autor Miguel de Cervantes, damals spanischer Söldner, war 1575 bis 1580 "in Algier in Haft, bis endlich das Lösegeld aufgetrieben wurde."

Auf Algeriens Aufstieg zur Piratenmacht Jahrzehnte zuvor richtet Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, das Fernglas: "Zwei Brüder sorgten dafür, dass Algier und Tunis Anfang des 16. Jh.s" zu Piraten-Hochburgen wurden "und es rund 300 Jahre" blieben: Horuk (auch Aruj, Urudsch etc.) und Cheireddin (auch Dschereddin, Hayreddin etc.). Geboren wurden sie um 1470 bzw. 1473 auf Lesbos als Söhne eines christlichen Töpfers, der zum Islam konvertierte; sie schlossen "sich Korsaren im Mittelmeer an."

Die beiden brachten es "zu den mächtigsten Seeräubern" ihrer Zeit, stellen Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, fest. Sie operierten "vor der afrikanischen Küste" im Mittelmeer, wo sie "mit ihren Galeeren christliche Schiffe" jagten. "Die Opfer wurden als Sklaven verkauft oder gegen Lösegeld freigelassen."

"Horuk wurde vom Scheich von Algier gegen die Spanier zu Hilfe gerufen", so Volkmar Mitterhuber, Baden; der Seeräuber beseitigte auch gleich den Scheich und eroberte 1515 Algerien. Nach "Horuks Tod erbte Cheireddin dessen Reich, unterstellte sich 1519 dem Sultan" der Osmanen "und unterwarf Tunis."

Barbarossas "Einsatz für die Rettung der vor der Inquisition fliehenden spanischen Juden und Muslime" erwähnt Dr. Manfred Kremser, Wien 18: "Die Ansiedlung dieser Emigranten in Nordafrika und an den Küstengebieten um Konstantinopel" geht auf ihn zurück. Dafür erhielt er "den türkischen Ehrentitel Baba (Vater, Anm.) Oruc". Die Bezeichnung "wurde zu Barbarossa verballhornt." Einen roten Bart wie Friedrich Barbarossa trug er nicht.

Herbert Beer, Wolfpassing, notiert, dass er 1533 "zum Oberbefehlshaber der osmanischen Mittelmeermarine" ernannt wurde. Wie Christine Sigmund, Wien 23, recherchierte, besiegte er 1538 bei Prevesa vor der griechischen Küste "die Flotte der verbündeten christlichen Staaten" unter Admiral Andrea Doria und sicherte "die osmanische Vormachtstellung . . . im Mittelmeer."

"Zu Lebzeiten" ließ er "ein Mausoleum am europäischen Ufer des Bosporus errichten" (nun "Barbaros-Park" in Istanbul), so Brigitte Schlesinger, Wien 12. Es heißt, dass er "an einem Ort begraben werden wollte, an dem er das Rauschen der Wellen . . . hören konnte." Er starb 1546 in seinem Palast.

Sklaven für den Papst

Kurs auf die adriatische Ostküste nimmt nun Dr. Edwin Chlaupek, Wien 3: Dort trieben die Uskoken ab Ende des 15. Jh.s ihr Unwesen. Es handelte sich dabei um "Menschen verschiedener Nationalität, die mangels ausreichender Lebensgrundlagen (Kriege, karge Böden, Ausbeutung durch Herrschende) quasi dazu getrieben wurden, sich mit Raubüberfällen an Land und zur See weiterzubringen." Mit "Unterstützung des Wiener Hofes konnten sie . . . in die . . . Kriegsstreitigkeiten der Habsburger" mit dem Osmanischen Reich eingreifen. Dieses war den Uskoken ohnehin verhasst.

Wie Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, ergänzt, wurden diese "christlichen Krieger" auch von den Päpsten geschätzt, "die Galeerensklaven von ihnen kauften". Durch ihre "furchtbaren Grausamkeiten" verloren sie "aber die Sympathie der christlichen Mächte." Es kam zum sog. Uskoken-Krieg "zwischen der Republik Venedig und Erzherzog Ferdinand von Innerösterreich (später Kaiser Ferdinand II.)". 1618 einigten sich die Unterhändler darauf, die Uskoken "aus Zengg (Senj, heute Kroatien, Anm.) und anderen Küstenorten ins Hinterland der Militärgrenze" zu verfrachten.

Für einen gemütlichen Ausklang dieser abenteuerlichen Zeitreise sorgt Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, indem sie die Gemeine in den Hernalser Heurigen "Gschwandner" bittet. "Um 1900" gab es dort u.a. "einen Piratenball".

Zusammenstellung dieser Rubrik: Andrea Reisner