Hermine Meyerhoff fiel aus allen Wolken, als sie im November 1869 vor der Kunsthandlung Sonnenthal am Wiener Graben stand. Im Schaufenster prangten freizügige Photographien der Schauspielerin. Die gebürtige Norddeutsche hatte sie Monate zuvor im Atelier Adèle anfertigen lassen und nur einen einzigen Abzug bestellt. Kurz darauf überlegte sie es sich anders und ließ Bildmaterial sowie Matrize vernichten. Nicht genug, dass Abzüge nun in der Auslage hingen - das Witzblatt "Floh" druckte eine Karikatur auf der Titelseite, basierend auf den erwähnten Bildern.

Spott für Hermine Meyerhoff (1848-1926). - © Bild: Archiv
Spott für Hermine Meyerhoff (1848-1926). - © Bild: Archiv

Die Aktrice, damals Anfang 20, wehrte sich und ging vor Gericht. Ein "WZ"-Bericht über den Prozess gegen Kunsthändler Sonnenthal ist in Folge 5 der Fortsetzungsgeschichte(n), S. II dieser Zeitreisen, nachzulesen (online kann der Artikel hier eingesehen werden).

Auch gegen den "Floh" wurde rechtlich vorgegangen. Das Gerichtsprotokoll gibt Einblick in eine zutiefst patriarchale Gesellschaft: Der Herr Anwalt der Klägerin bat um Nachsicht für die "freiere" Sitte, die bei Künstlerinnen des "heiteren" Fachs herrsche - Meyerhoff war Soubrette am Carltheater in der Praterstraße, sang also komische Rollen. Der Herr Verteidiger erging sich in süffisanten Tiraden gegen die Unverschämte, die es wagte, privat ein erotisches Porträt von sich anfertigen zu lassen. Dieses als Karikatur auf Seite 1 zu bringen, sei freilich nur aus Protest gegen Meyerhoffs Verderbtheit geschehen.

Es herrschte allgemeine Heiterkeit im Gerichtssaal. Sogar der Herr Präsident stimmte mitunter ins Gelächter ein. Die zwölf Herren Geschworenen gaben der Klägerin jedoch Recht und sprachen den "Floh"-Redakteur der Ehrenbeleidigung schuldig. Das änderte aber nichts daran, dass das Opfer öffentlich vorgeführt wurde.

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Wir bleiben im Carltheater, wo sich um 1900 folgende Szene abspielt: Die Soubrette erhält vom Bühnenpartner einen Strauß Paprika und sagt: "Der Paprika-Schlesinger ist doch immer originell!" Auf besagten "Paprika-Schlesinger", den Wiener Gemüse- und später Schuhhändler Robert Schlesinger stieß Brigitte Schlesinger, Wien 12, bei der Suche nach historischen Namensvettern. Der Unternehmer hatte sich mit dreisten Werbeaktionen einen erbitterten Feind gemacht: Karl Kraus. Dieser war es auch, der sich bei der erwähnten Darbietung im Carltheater ärgerte. Am Paprika-Schlesinger missfiel ihm besonders, dass er seine Reklamen in Versform zu gießen pflegte (ähnlich wie der Essigfabrikant Huber; vgl. Nro. 403).

Auch ein "Doctor Schlesinger" fiel der gleichnamigen Tüftlerin auf. Laut Inserat aus 1882 heilte er "geheime Krankheiten", d.h. Geschlechtskrankheiten, sowie "Zerrüttungen des Nerven- und Zeugungssystems als Folgen der Onanie". Diskreter Nachsatz: "Auch brieflich." Das, so die Fährtenleserin, "wär doch auch in Coronazeiten was!"

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner