Wer war’s? Der Gesuchte machte a) unübertroffene Werbung fürs Salzkammergut und studierte b) auch, so er zu Hause am Schreibtisch thronte, jeden Morgen als erster Abonnent die druckfrische "Wiener Zeitung". Langzeitreisende (ihnen ein spezielles Kompliment!) lächeln wohl ob dieser scheinbar steinharten Nuss. Später eingestiegenen Gemeine-Mitgliedern (ihnen als Gruß: Respekt, Respekt!) aber werden Stichwörter zugeflüstert: Ischl, Hofburg.

Ja, es geht um den Ischl- Freund, dem die Region bis heute dankt, sowie um den "WZ"-Bezieher, der das Blatt 1857 dem Staat einverleibte.

Natürlich sind das nur Facetten einer widerspruchsvollen Herrschergestalt. Unbestritten ist jedoch: Mit Schaffung des Ischl-Mythos erwarb sich Franz Joseph bleibendes Verdienst um den Österreich-Tourismus. Und dass der Monarch die "WZ"- oft als allererster Leser - Zeile für Zeile durchging, ist schlicht Tatsache.

Der kaiserliche Touristenakquisiteur widmete sich also auch am Samstag, den 15. Juli 1876, ausgiebig der "WZ". Ob er allerdings bei dem auf Seite 3 eingerückten Artikel Fremdenverkehr in den Alpenländern den Kopf schüttelte, müssen wir offen lassen. Möglich wäre es, denn der Bericht enthält Befunde, die die Anziehungskraft der k.k. Alpenwelt für betuchte Urlauber in Zweifel ziehen.

Konkret handelt es sich um eine Initiative der Section "Austria" des Alpenvereins, die an die anderen Sektionen der Organisation gerichtet war und für die man ein Comité bestellte.

Bergabstieg bei Blitz und Donner einst. - Leiste r. (v. ob.): Südbahn mit Gebirgskulisse, Sujet aus 1913; Ischl um 1870 (Zusatz "Bad" kam erst 1906); pittoreske desolate Hütte in den Alpen 1884.  - © Bilder: Dt. Mädchenbuch, Stuttgart o.J. (1899?)/Ill. Konv.-Lexikon (V), Leipzig u. Berlin 1876/Alpenvereins-Festschrift, Wien 1927/Archiv
Bergabstieg bei Blitz und Donner einst. - Leiste r. (v. ob.): Südbahn mit Gebirgskulisse, Sujet aus 1913; Ischl um 1870 (Zusatz "Bad" kam erst 1906); pittoreske desolate Hütte in den Alpen 1884.  - © Bilder: Dt. Mädchenbuch, Stuttgart o.J. (1899?)/Ill. Konv.-Lexikon (V), Leipzig u. Berlin 1876/Alpenvereins-Festschrift, Wien 1927/Archiv

Im Text dazu heißt es, daß die an Großartigkeit (...) den Schweizer Alpen in nichts nachstehenden östlichen Alpenländer (...) nicht einmal nur annähernd in gleichem Maße von Fremden aufgesucht (...) werden wie das schweizerische Alpenland (...).

Und weiter erfahren wir in aller Deutlichkeit: Das unläugbar größte Hinderniß (...) ist die fast überall noch mangelhafte, in den weitaus meisten Gegenden noch ganz primitive Unterkunft und Verpflegung (...).

Die Section "Austria" kritisierte weiters die vielfach (...) unzulänglichen Communicationsmittel (= Bahn- und Postkutschenverkehr). In erster Linie sei freilich die miese Beherbergung Fremder das Problem: Hier liegt der Punkt, an dem der Hebel zuerst angesetzt werden muß, denn nur erst wenn Verbesserungen (...) durchgeführt sein werden, kann auf (...) namhafteren Fremdenverkehr in den Ost-Alpen gerechnet werden.

Augenweide Großglockner. - © Archiv/gemeinfrei
Augenweide Großglockner. - © Archiv/gemeinfrei

Zuerst solle im Rahmen der Initiative mit Hilfe der anderen Sektionen der Ist-Zustand der Fremdencirculation erhoben werden. Erläuternd heißt es in dem Artikel dazu, was genaue statistische Zusammenstellungenbetreffe, werde man nicht ermangeln, (...) die Mitwirkung der Reichs- und Landesbehörden anzusuchen.

Offensichtlich wollte die Section "Austria" damit in höflicher Form darauf dringen, dass staatliche Stellen der Angelegenheit mehr Aufmerksamkeit zuwenden. Bezeichnend ist, dass ein Bergsteigerverein aktiv werden musste, um Wege aus der Tourismus-Misere zu suchen. Und ebenso bezeichnend, dass die "Wiener Zeitung" - das Morgenblatt, nicht die Spätausgabe "Wiener Abendpost" - dem breiten Raum widmete. Warum?

Wie schon kurz erwähnt, war Ende 1857 die Herausgabe der "WZ" von privaten Verlegern, den Ghelen’schen Erben, an den Ärar (= ins Staatseigentum) übergegangen. Auf Kaisers Geheiß. Von da an galt die "WZ"-Frühausgabe als des Monarchen Lieblingsblatt. Die "Abendpost" hingegen soll er weniger geschätzt haben.

Chefredakteur Friedrich Uhl, ab 1872 Leiter beider Ausgaben der "Wiener Zeitung", dürfte nähere Umstände gekannt haben. Vielleicht kalkulierte der wackere Journalist zudem damit, Extrem-Frühaufsteher Franz Joseph ackere das Morgenblatt genau durch, betrachte aber die am Nachmittag gedruckte Spätausgabe mit eher müden Augen.

Wie auch immer: Uhl, dem 1848er-Revolutionär und Liberalen, war Fortschritt im Land das Anliegen schlechthin. Mit den im Frühblatt placierten kritischen Zeilen zum Zustand des Alpen-Tourismus konnte er jedenfalls Seiner Majestät dem Kaiser einen Spiegel vorhalten, der Altösterreichs Rückständigkeit gegenüber der aufgeschlosseneren Eidgenossenschaft zeigte.

Ob’s half? Wer Zeitung macht, soll für den steten Tropfen sorgen, der den Stein höhlt. Wunder geschahen vor 144 Jahren keine. Doch später wuchs in Cisleithanien die Fremdenverkehrsbranche, ohne dass Massentourismus mit all seinen Problemen entstand.

Stellt sich zuletzt die Frage, was selbst 1876, als primitive Unterkunft und Verpflegung dominierten, Freunde der Natur in Alpenhöhen lockte. Antwort des Zeitreisenschreibers, einem gebürtigen Salzburger, der manchen Pongauer Berg kennt: Weil es dort oben so schön und ruhig ist wie nirgends sonst in der Welt!

Kopfnuss: Konnte Franz Joseph 1876 per Bahn in den Ischl-Urlaub fahren? (Geknackte Kopfnuss auf der nächsten Seite)