Es sollte ein Haus sein zur Unterbringung von "armen freyen frawen, die sich von offenen sundigen unleben . . . zu puss und pezzerung begeben wellent", so eine Urkunde aus 1384, unterzeichnet von Herzog Albrecht III. von Österreich (reg. 1365-1395). Dr. Helmut Zemann, Kaisersdorf, fand diese Quelle bei Recherchen zur Frage 2 der Nro. 406, die das Grätzl rund um das Franziskanerkloster in der Wiener Innenstadt aufs Tapet brachte.

Dr. Wilhelm Baier, Graz-Andritz, steckt das Gebiet ab: "Zwischen Franziskanerplatz, Singerstraße, Weihburggasse und Seilerstätte". Dort gründeten, wie Herbert Beer, Wolfpassing, festhält, "einige Wiener Bürgerfamilien . . . ein "Büßerinnenhaus"". Es erhielt mit dem eingangs zitierten Schreiben Zoll- sowie Mautfreiheit und sollte ehemaligen Prostituierten Gelegenheit zur "Buße und Besserung" bieten.

Dazu erläutert Dr. Alfred Komaz, Wien 19: Jene, die sich "in der Frauengemeinschaft untadelig verhalten hatten, konnten . . . heiraten, ohne dass dies für den Bräutigam ehrenrührig gewesen wäre." Dazu zitiert der Spurensucher aus der Urkunde von 1384 (in modernem Deutsch): Wer die Büßerinnen wegen ihrer Vergangenheit verhöhnte, "diese Frauen schmähte oder betrübte, sollte an Leib und Gut gestraft werden."

Bereits Anfang des 14. Jh.s existierte unweit des heutigen Franziskanerplatzes in der Kumpfgasse eine ähnliche Einrichtung. Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, mit Details: "1306 war ein "Seelhaus der Büßerinnen vom dritten Orden des heiligen Franziskus" für "unkeusche, später reuige Frauen" . . . gegründet worden." Angehörige eines "dritten Ordens" blieben Laien, die "keine Gelübde ablegen" mussten.

Neozeitreisende Liane Bosch, Wien 8, weiter: Da sich das Seelhaus "gut bewährte, schlossen sich . . . Wiener Bürger zusammen", um es zu erweitern und so "die sittlichen Zustände in der Stadt zu heben".

Franziskanerplatz mit Kirche St. Hieronymus und Kloster (links) um 1840. - © Bild: "Wiener Bilder", o.J. (=1911); koloriert von Philipp Aufner
Franziskanerplatz mit Kirche St. Hieronymus und Kloster (links) um 1840. - © Bild: "Wiener Bilder", o.J. (=1911); koloriert von Philipp Aufner

1480, so Volkmar Mitterhuber, Baden, "bestätigte Kaiser . . . Friedrich III. (1415-1493) die Privilegien des Hauses". Er erweiterte diese auch u.a. um "die freie Einfuhr ihres Eigenbaues an Wein und Getreide" und einen Weinausschank. Außerdem durften die Bewohnerinnen "eine Frau aus ihrer Mitte . . . als Meisterin" wählen.

Verfallende Sitten

Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ, beschreibt den dortigen Alltag ehemaliger "Hübschlerinnen und Vensterhennen", wie man die oft an Fenstern nach Freiern Ausschau Haltenden damals nannte: Sie mussten "nützliche Arbeiten verrichten" und durften den Orden "nur zwecks Heirat verlassen". Wer gegen die Regeln verstieß, musste die Stadt verlassen oder wurde streng bestraft. "1501 wurde eine von ihnen in einen Sack genäht und in der Donau ertränkt."

Maria Thiel, Breitenfurt, notiert, dass sich das Haus "bis zur Reformation . . . regen Zuspruchs erfreute". Der Gebäudekomplex wurde über die Jahrhunderte erweitert und umgestaltet. Allerdings begann ab "1525 . . . durch die Zerstörung beim großen Stadtbrand der Niedergang." Der Bau wurde danach "nur notdürftig renoviert", viele Büßerinnen absentierten sich. 1543 lebten dort bereits weniger als zehn Frauen.

Eine davon war Meisterin Juliana Kle(e)berger, zu der Brigitte Schlesinger, Wien 12, schreibt: Sie stellte angeblich "Räumlichkeiten für Orgien zur Verfügung" und hatte "mit dem Ordenspriester Laubinger ein Verhältnis". Es kam sogar zur Trauung (die der Bräutigam selbst vornahm), doch die Ehe sollte eine unglückliche werden. Das Paar musste ins Gefängnis, weil es "die Finanzen des Klosters aufgebraucht hatte". Von der Liebesgeschichte gerührte Wienerinnen und Wiener sollen für die Freilassung gesorgt haben. Laubinger verschwand gleich darauf. "Juliana ging zurück ins Bußhaus, wo sie 1553 starb." Dr. Peter Schilling, Wien 18, merkt an, dass ihr Grabstein im "Franziskanerkloster . . . vor der Sakristei in die Wand eingefasst" wurde.

Einzug der Mönche

Dr. Gottfried Pixner, Wien 13, erwähnt ein Hauszeichen in der Weihburggasse, das man als Erinnerung an die Büßerinnen anbrachte.

Wie Ing. Helmut Penz, Hohenau/March, herausfand, war ab 1571 keine Büßerin mehr im Kloster. Deshalb wurde dort "die städtische Jungfrauenzuchtschule" bzw ein Waisenhaus untergebracht. Diese Einrichtung übersiedelte "1589 nach St. Niklas" in der Singerstraße.

Das ehemalige Bußhaus wurde den Franziskanern übergeben. So tauschten damals, wie Gerhard Toifl, Wien 17, erläutert, "15 Priester und fünf Laienbrüder" mit den Waisenkindern Platz. Der Orden war nämlich seit 1545 im zuvor erwähnten "Nikolaikloster" untergebracht gewesen.

Die Mönche ließen die Kirche des Bußhauses, so Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram, "im Stil der ausgehenden Renaissance" umgestalten, "wobei im Kern der Bau von 1476 erhalten blieb". 1614 kam der heute noch bestehende Turm dazu. Dr. Karl Beck, Purkersdorf, betont, dass das Gotteshaus "einer der am vollständigsten erhaltenen Kirchenbauten der späten Renaissance in Österreich" ist. Dr. Herbert Peherstorfer, Wien 3, erwähnt, dass er dem "Hl. Hieronymus" geweiht ist.

Der Neubau des Klosters wurde Anfang des 17. Jh.s in Angriff genommen, wie Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, herausfand. Dabei erhielt es auch die "auffallende Fassadendekoration durch vertiefte Kreisfelder". Den Bauleiter nennt Harry Lang, Wien 12: Abraham Mall. Nach dessen Tod übernahm Peter Centner. Der Komplex wurde mit wachsender Zahl der Ordensmitglieder immer mehr - auch um Bürgerhäuser - erweitert. Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen/ Horn, fand z.B. eine Kaufurkunde über "ein Haus in der Weihburggasse, datiert am 18. Oktober 1622".

Eine der Aufgaben des Ordens war seit jeher die Armenspeisung. Dazu Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: "Nicht nur einst, auch heute noch" finden im Franziskanerklosters Ausspeisungen statt.

Ursprünglich waren die Franziskaner Mitte des 15. Jh.s, so Christine Sigmund, Wien 23, mit dem Prediger Johannes von Capistrano in die Wiener Vorstadt Laimgrube (heute Wien 6) gekommen. Die in Armut lebenden Brüder wurden ""Parfotter", Barfüßer", genannt.

P.S. Die Redaktion der "Wiener Zeitung" war zwischen 1858-1860 in einem Teil des Franziskanerklosters untergebracht (heutige Adresse Singerstraße 26) - gemeinsam mit der Haus-, Hof- & Staatsdruckerei, zu der sie damals gehörte.

Zusammenstellung dieser Rubrik: Barbara Ottawa