Zweimal vier Viertel ergeben zwei Ganze, wobei man hierzulande zuweilen auch Fünfe gerade sein lassen kann . . .

Ein solches Rechenspiel gibt die Geschichte der Gebietseinteilung in Viertel ob und unter der Enns auf, die Thema der Zusatzorchidee der Nro. 406 war. Die Gemeine, gewappnet mit Nachschlagewerk und Abakus, brachte Klarheit in das historische Rätsel.

Den Auftakt macht Volkmar Mitterhuber, Baden: Nachdem 1246 die Regentendynastie der Babenberger erlosch, nahm der Böhmenkönig Ottokar II. (ca. 1230-1278) das Herzogtum Österreich in Besitz "und teilte es entlang der Enns". Nach seinem Fall belehnte "König Rudolf von Habsburg (ab 1273)" seine Söhne 1282 mit dem Herzogtum. "Als erstes "deutsches Erbland" wurde es mit der Stadt Wien Zentrum des habsburgischen Imperiums".

Die Einteilung in Landesviertel des Gebiets ob der Enns (heute: Oberösterreich) . . . - © Karte ca. 1830; Repro und Kolorierung: Philipp Aufner
Die Einteilung in Landesviertel des Gebiets ob der Enns (heute: Oberösterreich) . . . - © Karte ca. 1830; Repro und Kolorierung: Philipp Aufner

Gesandter i.R. Dr. Josef Litschauer, Wien 10, zum heutigen Oberösterreich: "Die Territorialbezeichnungen "Austria superior" und "ob der Enns" (super Anasum)" tauchten "erstmals zur Zeit König Ottokars auf ... Die Zersplitterung des Landes in zahlreiche Herrschaften blieb aber bis in die zweite Hälfte des 15. Jh.s bestehen." Erst in dieser Zeit, so Mag. Susanna Michner, Wien 9, wurde "das Land ob der Enns in Viertel geteilt: ... nördlich der Donau das Mühlviertel (heute Oberes Mühlviertel, Anm.) ... und das Machlandviertel" sowie "südlich der Donau das Hausruck- ... und das Traunviertel".

. . . und unter der Enns (nun Niederösterreich).  - © Karte ca. 1830; Repro und Kolorierung: Philipp Aufner
. . . und unter der Enns (nun Niederösterreich).  - © Karte ca. 1830; Repro und Kolorierung: Philipp Aufner

Dr. Peter Schilling, Wien 18, nennt den Zweck: Die "ständische Verwaltung" stützte ihre "Aufzeichnungen für die Steuerleistung" auf diese Einheiten. "Unter Maria Theresia ... erhielten die Landesviertel" neuerlich Bedeutung. "1753 wurde das Land in vier Kreise eingeteilt, von denen jeder ein Kreisamt bekam, dessen Machtposition bis 1859 bestand." Diese Verwaltungsbehörden "Erster Instanz" standen "zwischen Regierung und Herrschaften", um "Untertanen vor Übergriffen der Grundherren" zu schützen. Bauern hatten nun ein Beschwerderecht.

Das formale Ende der Bezeichnung "Kreise", so Ing. Alfred Kaiser, Purkersdorf, kam mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867.

Traumland Innviertel

Ins 18. Jh. blickt auch Dr. Gottfried Pixner, Wien 13: Joseph II. (Alleinregent ab 1780) ergatterte das spätere "Innviertel" und schlug es Oberösterreich zu. Univ.-Prof. Dr. Georg Schmid, Saint-Oradoux-près-Crocq/ F: Dieser Flächengewinn wurde "im Mai 1779" als Resultat des "Bayerischen Erbfolgekriegs" besiegelt.

Rudolf Freiler, Kirchschlag/NÖ, merkt an: "Das Innviertel war wohl eine Art Trostpflaster für Joseph II.", der eigentlich versuchte, ganz Bayern in seinen Besitz zu bringen.

Durch dieses neue Territorium hätte es nun fünf Viertel ob der Enns gegeben. Dr. Herbert Peherstorfer, Wien 3, dazu: Kurzerhand vereinigte man das Machlandviertel mit dem damaligen Mühlviertel.

Nun stimmte die Rechnung: Das Land bestand wieder aus vier Vierteln. Und jedes davon war mit "Schätzen" ausgestattet, zu denen bereits erwähnte Tüftlerin Mag. Michner eine Redensart anführt: "Innviertel Ross’ und Troad (= Getreide), / Mühlviertel Flachs und Gjoad (= Jagd), / Hausruckviertel Obst und Schmoiz (= Schmalz), / Traunviertel Holz und Soiz (= Salz)."

Ein wahres Schlaraffenland also? So sahen es zumindest die Nachbarn Ende des 17. Jh.s, wie Prof. Dr. Monika Rath, Wien 7, herausfand: Damals wurden unzählige, verarmte Burschen aus Ungarn zum Militärdienst verpflichtet. Sie staunten nicht schlecht über die vergleichsweise üppigen Verhältnisse im Land ob der Enns. Aus dieser Gebietsbezeichnung leitet sich vermutlich "Operencia" (auch andere Schreibweisen) ab, der altungarische Name für eine phantastische Märchen- oder Sagenwelt.

Quadratur des Kreises

Den Sprung ins 19. Jh. macht Michael Chalupnik, Sieghartskirchen: Nach französischer Besetzung und bayerischer Herrschaft, wurde "der größte Teil" des Herzogtums Salzburg "1816 ... dem Kronland Österreich ob der Enns angeschlossen." Gerhard Toifl, Wien 17, notiert, dass dieser sogenannte Salzachkreis "bis 1854" von Linz aus verwaltet wurde.

Mag. Luise & Ing. Konrad Gerstendorfer, Dt.-Wagram: "Übergeordnete Behörden, wie die Bundesbahndirektion, das Oberlandesgericht und die Post- und Telegraphendirektion für Salzburg, die ihren Sitz in Linz hatten bzw. noch haben, erinnern ... an diese Zeit" - zum Unmut mancher Bewohner des Landes an der Salzach. Schließlich wurde Salzburg "1850 ... als ein selbständiges ... Kronland im Rang eines Herzogtums" wiedereingesetzt.

Dr. Robert Porod, MMBA, Frauenhofen bei Horn, bringt ein jüngeres sogenanntes "fünftes Viertel" aufs Tapet, den "Oberösterreichischen Zentralraum", ein Begriff, der sich im 20. Jh. durchsetzte. Brigitte Schlesinger, Wien 12, präzisiert: "Es handelt sich um den Bereich zwischen den Städten Linz, Eferding, Wels, Steyr und Enns".

Volksmund und Klerus

Ins Land unter der Enns, also ins heutige Niederösterreich, führt Herbert Beer, Wolfpassing: "Die Benennung der Viertel" erfolgte zunächst "nach geographischen Trennungslinien, dem Manhartsberg im Norden und dem Wienerwald im Süden ... Die Nord-Süd-Grenze bildete ... die Donau. Im Laufe des 19. Jh.s kam für die einzelnen Landesviertel eine volkstümliche Bezeichnung auf. Die beiden nördlichen Teile nannte man nach den charakteristischen Vegetationsformen Wald- und Weinviertel, das Viertel ob dem Wienerwald" wurde zum Mostviertel, während man jenes "unter dem Wienerwald als Industrieviertel bezeichnete."

"Nur zum Spaß" unterteilt Hon.-Prof. Dr. Hanns Waas, Wien 19, wie folgt: Kalt-, Warm-, Kost-, Rostviertel (für Wald-, Wein-, Most-, Industrieviertel).

Maria Thiel, Breitenfurt: Schließlich machte die "Bildung der politischen Bezirke 1868" auch im Land unter der Enns die Vierteleinteilung obsolet. Die alten Einheiten verloren ihre "rechtliche Grundlage", blieben aber im Sprachgebrauch erhalten.

Und in gewisser Weise auch beim Klerus. Dem Verlauf der Diözesangrenzen ging Dr. Karl Beck, Purkersdorf, nach: Joseph II. wollte eine "Neuordnung der kirchlichen Verwaltungsbezirke", um "die Kirche dem Staatsapparat anzupassen". Dr. Alfred Komaz, Wien 19, weiter: Der Regent war wohl "nicht gewillt, sich von einer Instanz außerhalb seines Reichs ... "dreinreden" zu lassen." Dr. Manfred Kremser, Wien 18: Immerhin walteten "noch zu Beginn des Jahres 1783" in NÖ (inklusive Wien) mehrere Bischöfe, v.a. aber jener von Passau.

Joseph II. legte also 1783 den Grundstein für noch heute gültige kirchliche Grenzverläufe. Das einflussreiche Bistum Passau verlor die Herrschaft über Ober- und Niederösterreich. Die Diözesen Linz sowie St. Pölten wurden geschaffen; das Bistum Wiener Neustadt aber hob man auf.

Ing. Helmut Penz, Hohenauch/March, zur umgestalteten Erzdiözese Wien: Sie umfasst die Stadt "sowie die östliche Hälfte von Niederösterreich" und "ist in drei Vikariate unterteilt: Vikariat Unter dem Manhartsberg" (nordöstlichen Teil von NÖ), "Vikariat Wien Stadt" und "Vikariat Unter dem Wienerwald" (südöstlicher Teil von NÖ).

Diese Kirchenviertel tragen also die alten Bezeichnungen auch Jahrhunderte später noch im Namen.

Zusammenstellung dieser Seite: Christina Krakovsky